24 Februar 2016
Danke!
Mir bleibt ja die Spucke weg bei so viel Blödheit.
Natürlich, wohl niemand in Deutschland wünscht sich, dass es zu großen sozialen Problemen kommt durch Zuwanderer, die die hier geltenden gesellschaftlichen Regeln, die Sprache und die Gesetze hier nicht kennen oder - zumindest eine kleine Minderheit - bewusst missachten.
Aber gerade deswegen ist doch die Arbeit, die all diese Integrationspaten, Sprachlehrer und Helfer tun, so wertvoll. Sie gehen auf Flüchtlinge zu, helfen ihnen im Alltag und zeigen durchaus auch resolut Grenzen auf, wenn deren Verhalten hier aneckt. Sie geben ihnen die Chance, etwas zu lernen, sich beruflich zu qualifizieren, sich in das Dorf- und Vereinsleben zu integrieren.
Damit tun diese Helfer uns allen etwas Gutes. Wo das Ganze in kleinteiligen Einheiten funktioniert, so wie hier, gibt es daher auch keine spürbaren Probleme mit den noch fremden Menschen. Ich habe einige schon kennengelernt und war immer wieder geschockt von deren Horrorerlebnissen auf der Flucht, aber auch begeistert davon, wie intensiv sie sich zum Beispiel in die Sprachkurse stürzen. Ich unterhielt mich irgendwann mit einem jungen Syrer, der erst wenige Monate Deutsch lernte und sich schon verständigen konnte. Wow!
Klar gibt es unter diesen Menschen Idioten, so wie überall. Und ich denke, man darf auch nicht völlig außer Acht lassen, dass einige von ihnen aus Kulturen kommen, deren Normen wir nicht unbedingt uneingeschränkt teilen. Um so wichtiger, dass ihnen Helfer und Paten zur Seite stehen und einen Einstieg in unsere Gesellschaft ermöglichen!
Es ist doch kindisch, sich die fremden Menschen wegzuwünschen und zu jammern, wenn das nicht passiert. Wie ein Dreijähriger, der die Augen zukneift und schreit und stampft, "Aber ich will nicht wachsen!". Ich würde mir ja so wünschen, dass die ganzen Schreihälse und Sich-in-skurrilen-Weltuntergangs-Fantasien-Wälzer einfach mal was Sinnvolles tun würden, statt Facebook vollzuspammen. Also gebt euch doch lieber einen Ruck und helft den Menschen von anderswo, hier anzukommen. Lernt sie erst mal kennen, und ihr werdet merken, dass da viele sehr nette Menschen dabei sind.
Ach ja, ihr Wohlmeinenden mit zu viel Freizeit, ihr bitte auch. :-)
Ich bin halt einfach pragmatisch. Wenn es ein Problem gibt, tu was Sinnvolles (!) dagegen, oder finde dich damit ab. Mir geht hier in den Dörfern echt ein bisschen das Herz auf, dass es die Lokalpolitik von Linke bis CDU genauso sieht. Da ist eine Herausforderung, packen wir es an. Jammern und greinen und bockig von "denen da oben" eine Lösung verlangen, das liegt den Odenwäldern nicht.
Und daher an dieser Stelle ein dickes fettes Danke an all die Helferinnen und Helfer überall in Deutschland!
20 Januar 2016
Fishing for compliments
Ich las gestern einen interessanten Post von Caroona über Komplimente (Link HIER) und wie schwer es mensch fallen kann, diese anzunehmen. Ich fand die Anregung sehr spannend, da selbst in mich hineinzuhorchen, und da das wohl den Rahmen eines Kommentars sprengen wird, wollte ich es hier posten...
Wie nehme ich Komplimente an? Wie gehe ich mit Lob um? Und wie war das in meiner Kindheit? Ehrlich gesagt kann ich mich an besonders viel Lob aus Kindertagen nicht erinnern. (Übrigens auch nicht bei Freunden oder Mitschülern, wo, hatte ich das Gefühl, es die ebenfalls eher gleichgültig-freundlichen oder aber kritisch-meckernden bis prügelnden Eltern gab.) Ich wurde auch nicht viel kritisiert, meine Eltern betrieben eine Art Laissez-faire-Erziehung, bei der ganz selbstverständlich davon ausgegangen wurde, dass auch ein kleiner Mensch seinen Kram irgendwie geregelt bekommt, ohne dafür besonders viel positive oder negative Sanktionen zu benötigen. Ich fühlte mich damit auch nicht schlecht, hatte ich doch das Gefühl, dass mir von klein auf viel zugetraut wurde, ohne dass man mir Druck machte, einen bestimmten Standard zu erfüllen. Die Kehrseite dieser Wertschätzung war natürlich, dass ich mich manchmal mit Aufgaben und Problemen etwas allein gelassen fühlte. Aber ohne zu weit auszuholen, das Ausrichten an intrinsischer Motivierung und eigenen Normen, nicht aber Anerkennung und Lob von außen, hatten auch meine Eltern sehr verinnerlicht, vor allem mein Vater.
Das färbte wohl auf mich ab, und so ist mir verbalisiertes Lob nicht sehr wichtig. (Im Gegensatz dazu lasse ich mich aber nicht sonderlich gerne kritisieren, aber wer tut das schon.) Ich finde es ganz gut, zum Beispiel bei meiner Arbeit zu wissen, dass ich prinzipiell meine Sache richtig mache, wenn hin und wieder positives Feedback kommt (oder auch wohldosierte Anregungen zur Verbesserung).
Aber ich empfinde Lob auch oft als zweischneidig; ist es einfach nur Anerkennung für eine gute Leistung, ist es in Ordnung. Wenn ich die Leistung selbst gut finde (mein Partyessen ist gelungen, meine Arbeit gut geglückt), kann ich es auch einfach annehmen, ohne mich zu winden. Bin ich selbst mit meiner Leistung nicht ganz zufrieden, interessiert es mich nicht. Das ist dann mehr so ein „Häh? Na, wenn der meint...“-Gefühl.
Ich bin generell mir selbst gegenüber (inzwischen...) nicht übermäßig kritisch oder übermäßig enthusiastisch. Weder finde ich mich und meine Taten die ganze Zeit supertoll, noch würdige ich sie herab und leide drunter, zu/zu wenig XY zu sein/zu tun. Wenn mein Selbstwertgefühl nicht gerade angeknackst ist, kann ich mit mir und meinen prinzipiellen Macken ganz gut leben. (Wenn es gerade angeknackst ist, finde ich mich (und das Universum und den ganzen Rest) eh als Gesamtpaket scheiße, aber zum Glück gibt sich das inzwischen auch schnell wieder ;-))
Wichtiger aber als die Tatsache, ob und wie sehr ich gelobt werde, ist für mich die Frage, was dahintersteckt bei einer Person. Habe ich ihr eine Freude bereitet, und das wollte sie mir sagen? Dann freue ich mich ehrlich. Will jemand nett sein, mich aufmuntern? Das ist empathisch, find ich nett. Oder aber ist es nur so daher gesagt, um mich gewogen zu halten oder weil „man das so macht“?
Ich kann zum Beispiel wenig mit der Idee anfangen, die ganze Zeit Leute voll empowernd für alles zu loben, was sie tun. Wenn mir was gefällt, sage ich das. Aber über jedes Foto, jeden kreativen Text und jede Stricksocke in meinen Internetkreisen vor Begeisterung ausrasten ist meine Sache nicht.
Lob kann auch gönnerhaft sein. So von oben herab. „Gut gemacht, kleine Doofe, da, hab ein Gutsel.“ Das schüttele ich eher mit einem ärgerlichen Achselzucken ab. Lob kann auch manipulativ sein. „Du bist doch so eine tolle XY, daher musste du doch tun/denken/sagen, was ich will.“
Daher ist immer die entscheidende Frage für mich, was steht hinter einem Lob. Ein Lob kann eine Beleidigung mit Zuckerguss sein oder auch ein Versuch, etwas zu bekommen. Sprich, auch für einen Arbeitgeber ist loben billiger als eine Gehaltserhöhung. Ich muss manchmal aufpassen, dass ich nicht auch lobe, um zu manipulieren, mich einzuschmeicheln.
Ich glaube, es war von Luisa Francia, die irgendwo mal die These aufstellte (in ihrem Blog?), Lob sei Sklavennahrung. Ich bin, wie oben erwähnt, eher so erzogen worden, dass meine Handlungsanleitung meine eigenen Maßstäbe sind, nicht Lob oder Kritik von außen. Ich konnte schon als Kind nicht ganz verstehen, wieso manche in der Vorschule statt der geforderten einen Seite Schreibübungen gleich mehrere Seiten machten, nur weil es dann einen bunten Aufkleber oder so was ins Heft gab. Einmal machte ich das auch, bekam einen Aufkleber, dachte mir, was soll das, und blieb danach wieder beim geforderten Umfang der Hausaufgaben. Dagegen gab es durchaus Komplimente vor allem von Deutschlehrern in der gymnasialen Oberstufe, die mich anspornten, mir Mut machten auf dem rauen Meer der Pubertätskrisen.
Aber prinzipiell will ich nicht mittels Lob manipuliert oder erzogen werden. Ich will in dem, was ich tue, nicht abhängig sein davon, dass mir jemand Fleißsternchen ins Heft klebt. Ich wünsche mir ehrliche Anerkennung meiner Person. Ich liebe es, wenn man mir Liebe, Freundschaft, Wertschätzung oder aber zumindest Respekt entgegenbringt.
Ein Lob dagegen hebt immer einen kleinen Teil von mir hervor, meist eine Leistung (für Komplimente über Körperteile bin ich langsam zu alt und zu dick), und insgeheim denke ich dann manchmal – und wenn ich diese Leistung, diese Eigenschaft nicht mehr erbringen kann oder will? Was ist mit dem Gesamtpaket, wie stehst du dazu?
Der beste Ehemann von allen lobt mich übrigens nicht sonderlich. Er meckert auch nicht an mir rum. Aber dass ich seine ungeteilte Wertschätzung und Liebe empfange, macht das mehr als wett.
10 November 2015
Neumond
Diese Jahreszeit, der Herbst generell, der abnehmende Mond und die letzten Überbleibsel einer Grippe machen mich nachdenklich, manchmal müde, manchmal traurig. Melancholisch halt. Auch wenn ich im Leben zurzeit zufrieden bin und froh, dass gerade keine riesige Baustelle ansteht. Der Job macht mir Spaß, der wilde Ehemann macht mir auch Spaß (noch ein Jahr, dann sind es 25 Jahre mit ihm...), ich schaffe es außerdem, wieder intensiveren Kontakt zu Freunden zu pflegen, auch wenn das oft mit meinen Arbeitszeiten kollidiert.
Aber wie es die Zeitqualität so an sich hat, denkt man auch viel über Vergangenes und Versponnenes nach.
Wie unerwartet bitter in diesem Zusammenhang, wenn man wie ich vor ein paar Tagen feststellt, dass Menschen, mit denen man damals, vor 10, vor 20 Jahren so wunderbar Gedanken und Gefühle teilen konnte und auch tiefschürfendere Themen bereden konnte; wenn solche Menschen heute in einem Milieu verkehren, wo man auf Facebook Flüchtlingshetze und gefakte Meldungen teilt und gut findet und ansonsten offenbar nichts mehr zu sagen hat...
Ansonsten: Lese die Biographie von Simone de Beauvoir und Sartre; stelle fest, dass ich schon länger keine philosophischen/soziologischen Bücher mehr gelesen habe und will das beim nächsten Bibliotheksbesuch ändern (auch wenn ich Sartres „Das Sein und das Nichts“, das großkotzig in meinen Bücherregal thront, wohl nie kapieren werde). Ich finde aber darüber hinaus Biographien von Künstlern aus solchen Zeiten (wie auch von Henry Miller und Anais Nin usw.) oft sehr erhellend, denn sie zeigen mir, dass Menschen offenbar früher mit sehr viel weniger Panik bezüglich des materiellen Leben zurechtkamen und doch ungeheuer produktiv sein konnten. Und was horten wir alles heute um uns herum an, was uns fesselt und einengt! Und um was alles sorgen wir uns heute! Wenn nur ein paar dunkelhäutige Menschen im Dorf herumspazieren, macht das manche schon fix und alle, weil sie denen das nicht gönnen, was sie selbst vom Staat auch geschenkt bekommen. Aber ich will ja meine mühsam erworbene heiterer Gelassenheit pflegen, statt andere zu bewerten, und denke mir den Rest...
Zurück zu Biber und ihrem stets gesiezten Alltimelover: Mir geben solche Biographien ein Gefühl der Freiheit und eine Bestätigung, dass mein materiell gesehen relativ bescheidenes Leben (ohne Riesterrente!) einen Reichtum widerspiegelt, den man heute vielleicht gar nicht mehr so kennt.
(Jetzt muss ich nur noch 3-4-5 Romane schreiben, ich weiß.)
03 August 2014
Gedanken zu Freiheit und Sicherheit
15 Juni 2014
Sommer, Schemata und es fließt die Zeit
Vollmond raubt mir etwas Schlaf und macht mich dünnhäutig. Träume viel.
Lese ein Buch über Schematherapie, das mir auch als Mensch, der nicht in psychotherapeutischer Behandlung ist oder es je war, viele interessante Denkanstöße liefert. Kurz gesagt geht es darum, dass man in der Kindheit gelernt hat, auf bestimmte unschöne Situationen (Vernachlässigung, Verlassenwerden, Gewalt usw.) auf eine bestimmte Art zu reagieren. Diese Reaktionen sind meist eine Variante der drei Modi Erdulden, Rückzug/Flucht oder Angriff/(Über)Kompensation.
Diese Handlungsmuster konnten damals durchaus sinnvoll sein. Das Problem ist, dass man dazu neigt, sich auch als Erwachsener weiter automatisch so zu verhalten wie als Kind, statt die anderen Handlungsoptionen in Erwägung ziehen zu können. Diese Reaktionen können dann kontraproduktiv sein und sich sogar zu psychischen Störungen auswachsen.
Es geht bei der Therapie darum, diese Zusammenhänge zu erkennen, eine gewisse Metakognition zu entwickeln und zu lernen, dem verletzten inneren Kind sozusagen Eltern zu sein, es zu trösten, aber dann erwachsen zu handeln - statt es sein automatischen Reaktionsmuster durchlaufen zu lassen.
24 April 2014
Gedanken zur Freiheit
Ein Zitat, das ich sehr mag:
Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will. (Jean-Jacques Rousseau)
Das ist eine gute Zusammenfassung von dem, was mich antreibt. Ich mag zu nichts gezwungen werden. Ich mag keine Befehle empfangen. Ich möchte nicht bedrängt, manipuliert oder erpresst werden, etwas zu tun, was ich nicht will. Ich will Dinge aus freier Entscheidung tun, selbst, wenn ich auf das ein oder andere keine Lust habe oder es mir gerade nicht angenehm ist. Mir ist es immer wichtig, daran zu denken - was immer ich tue, ich tue es freiwillig. Fast in jeder Situation gibt es eine Alternative, für die man sich entscheiden kann, und sei es im Extremfall der Tod.
Und das ist für mich auch Emanzipation. Nicht, dass ich statt Idealfrau Modell A (50er-Jahre-Mutti) jetzt Idealfrau Modell B (frauenbewegte Karrierefrau) werde. Sondern dass ich so frei, wie es möglich ist, ohne an die Freiheit anderer zu rempeln, leben kann, jenseits der Schubladen, jenseits der Klischees von typisch weiblich, typisch männlich. Im Gegenzug will und muss ich bereit sein, auch anderen diese Freiheit zuzugestehen, auch wenn sie gar nicht so leben, wie ich es für richtig halte. Diese Freiheit sehe ich ab und zu bei manchen Ausprägungen des Feminismus verlorengehen, wenn "wir emanzipierten Frauen" den anderen Frauen vorschreiben wollen, ob sie Kopftücher tragen "dürfen" oder Miniröcke oder einen Ehering.
Meine Freiheit greifen natürlich diejenigen Männer an, die meinen, ich muss mich ("als Frau") ihren Idealen fügen, muss von ihnen beschlossenen Einschränkungen in Kauf nehmen, mich gar widerstandslos belästigen lassen, wenn ihnen der Sinn danach steht. Denn auch Angst schränkt Freiheit ein. Ich habe zwar keine Angst vor Männern. Und dennoch läuft bei mir automatisch immer dann, wenn ich einem Mann alleine begegne (im Wald zum Beispie) der Check ab: Gefährlich? Wohin könnte ich notfalls flüchten? Was könnte ich als Waffe verwenden? Mir ist, von kleineren Belästigungen abgesehen, noch nie "etwas passiert". Aber so lange je nach Schätzung rund ein Drittel aller Frauen sexuelle Gewalt erleben und haufenweise Männer herumlaufen, die diese begehen, finde ich diese Vorsicht vernünftig. Nur zwei, drei oder fünf Prozent sind Täter? Mei, wenn nur jede fünfzigste Orange giftig wäre, ich würde dennoch allen misstrauisch begegnen.
Ich wünsche, wir könnten alle freier leben in einer Welt, wo Frauen keine Angst vor Übergriffen haben müssen und Männer nicht unter dem ständigen Täterverdacht stehen. Ich bin manchmal enttäuscht, dass viele der Männer, die sich überhaupt mit solchen Fragen beschäftigen, ihr Geschlecht als das Opfer sehen einer Kultur des Misstrauens - statt anzuerkennen, dass von ihrer Seite etwas getan werden könnte. Statt zu sagen "Mensch, wir müssen doch mal unseren Mitmänner, Söhnen und Brüdern vorleben, wie man ein toller Mann sein kann, und denen auf die Finger hauen, die Frauen schlecht behandeln", scheinen viele nur zu denken "Oh, ich armes Opfer, ich habe doch noch gar keine vergewaltigt und dennoch misstraut man mir".
Aber ich denke, heute ist es hierzulande schon viel ziviler als vor 50, 100 oder mehr Jahren.
Ich glaube übrigens nichtsdestotrotz, wir alle sind heute und hierzulande viel freier, als die meisten denken. Wir können es zumindest sein. Die Ketten, in denen wir immer noch liegen (schon wieder Rousseau), haben wir zu einem großen Teil selbst geschmiedet. Und solange wir nur bei anderen nach dem Schlüssel suchen, bleiben wir gefangen.
11 März 2014
Alles im Griff
Zum Teil stimmt das natürlich. Wir haben Einfluss auf unser Leben, können Entscheidungen fällen, selbstzerstörerisch oder weise handeln. Aber vieles liegt außerhalb unserer Einflusssphäre - unsere Herkunft, unser Gene, das, was uns begegnet. Ich kann auch als beste Autofahrerin der Welt in einen Unfall verwickelt werden. Ich kann noch so viel Psychohygiene betreiben und doch depressiv werden. Ich kann supergesund leben und dennoch an einer schlimmen Krankheit leiden.
14 Februar 2013
Nahrung und Reinheit
Ich habe oft das Gefühl, die zwanghafte Beschäftigung mit Gesundheit und Nahrung geht weit drüber hinaus. (Unsere Religion ist Gesundheit, wir retten nicht die unsterbliche Seele, aber den sterblichen Körper, irgendwie müssen wir doch die Absolution von Tod und Krankheit bekommen, oder?) Ich selbst bemühe mich auch, halbwegs bewusst zu konsumieren, aber eher, weil ich die ökologischen Auswirkungen vieler Produkte fürchte und nicht die auf meinen Körper. Ich bezweifle, das Weißmehl, raffinierter Zucker, Fleisch, Milch oder auch alles andere (in vernünftigen Maßen) einen Körper schadet. Ich finde den Fanatismus, mit dem viele die eine oder andere Nahrung verteufeln und fest glauben, dass sie schadet, nur befremdlich. Siehe auch hier bei Caroona.
Ich meine, zum einen haben meines Wissens in Europa die Menschen auf Kreta die höchste Lebenserwartung, und die ernähren sich, übertrieben gesagt, von Weißbrot und in Öl totgesottenem Gemüse.
Zum anderen wünschte ich mir, Menschen würden mal mehr Aufmerksamkeit darauf verbringen, womit sie ihren Geist füttern. Ich lese viele Biografien von armen Intellektuellen und Künstlern im 20. Jahrhundert, denen es egal war, wenn es wochenlang nur Brot und Käse gab; Hauptsache, eine gute Bibliothek war in der Nähe und geistreiche Gesprächspartner.
21 Februar 2012
Kuckucksnester und so weiter
Ich selbst war noch nie wegen psychische Problemen in professioneller Behandlung, was nicht heißt, dass ich nie Probleme hatte. Meine Stimmungen schlagen zeitweise stärker aus als bei anderen, und ich habe öfter mal leicht depressive Phasen (vor allem im Winter) und leicht manische Phasen, in denen ich angenehm euphorisch, aber ansonsten normal (?) bin. Zumindest einmal in meinem Leben hielt letzteres aber einige Monate an, in denen ich sehr sehr wenig schlief und aß, stark abnahm und auch sonst einigen Unsinn anstellte. Als Teenagerin war ich ziemlich bekloppt, essgestört und so weiter.
Die letzten Jahre standen durch die Pflege eher im Zeichen des Burnouts, dem ich ab und zu gefährlich nahe kam.
Ich fühle mich allen Klippengängern dieser Welt daher verwandt.
Und: Ich möchte auch alle ermuntern, euch Hilfe zu suchen, wenn ihr sie braucht. Geht zu Profis! Nichts gegen Heilpraktiker, Lebensberater, Johanniskraut usw., wenn es um normale Alltagssorgen und leichten Winterblues geht, aber wenn die Kacke am dampfen ist, muss ein wirklich qualifizierter Arzt oder Psychotherapeut her.
Und wenn es schon so weit ist, dass ihr in eine psychiatrische Klinik sollt - habt davor keine Angst. Da meine Mutter ja gerade in einer solchen ist, sehe ich ja selbst fast täglich, wie sehr sich (inzwischen) der Alltag dort von den Horrorbilder unterscheidet, die ihr vielleicht im Kopf habt. Eigentlich ist es eher wie eine Jugendherberge mit teilweise verschlossenen Türen. Wenn ich herausgelassen werden möchte, schaue ich immer nach dem Schlüsselbund, der dem Pflegepersonal an der Seite klimpert - sonst könnte ich nämlich die meisten PatientInnen nicht vom Personal unterscheiden.
Ich denke, es ist bei allem psychischen Problemen wichtig, sich bewusst zu machen - ich bin für mich verantwortlich, "first, last and always", und ich muss versuchen, das Beste für mich zu tun. Ganz gleich, ob jemand anderes eine Psychotherapie "komisch" findet oder einen Psychiatrieaufenthalt "schrecklich" oder Pillen "unmöglich".
Ich denke, das ist auch der Grund, warum ich jetzt mit der Pflege NICHT in einen Burn-Out-Zustand gerutscht bin - weil ich mich getraut habe, das zu tun, was ich will und richtig finde, ganz gleich, ob andere das auch so sehen oder nicht.
04 Januar 2012
Wilde Wege
geplant, denn Baumfäller haben überall Wege gesperrt, und ich musste
Umwege laufen. Dann von drei Heimwegen der rechte und linke gesperrt,
nur der mittlere angeblich frei - ging ihn vorsichtig,
Ketttensägengeräusche in den Ohren, kletterte über gefällte Bäume. Es
ist ein Weg einen Bergrücken hinunter, den ich gerne gehe, ein wilder
Weg ohne Markierungen, an dem jemand auf alle Baumstümpfe Steine und
Steinpyramiden legt.
Gestern Odin um Segen auf meinen Wegen gebeten. Auch habe ich schon
länger überlegt, dass ich gerne mein Pentagramm ablegen und etwas
Passenderes, "Persönlicheres" anziehen möchte. Aber ein Thorshammer ist
es nicht, weil ich Odin mehr in mein Leben integrieren will, nicht Thor,
und ein Walknut ist es nicht, weil ich es nicht so mit
Endschlachtengedöns habe. Aber dank meines schlauen wilden Ehemanns habe
ich etwas sehr passendes gefunden... zeige ich vielleicht später mal.
Habe beim Wandern darüber nachgedacht, dass es wohl kaum einen Menschen
gibt, der diese Sachen alle befriedigend in sein Leben integrieren kann:
1) Großzügige soziale Gratifikationen (Sprich: Anerkennung und Geld),
2) einen intelligenten Kopf mit freien, eigenen Gedanken und
3) Ein glückliches, ehrliches Leben.
Komisch, wenn ich herumfragen würde, auf was die Menschen am ehesten
verzichten wollen, würden wohl die meisten 1) sagen, aber wenn ich
umschaue, sehe ich, sie verzichten alle eher auf 2) oder 3).
Aber wieso?
10 November 2011
Nobelpreis?
- Fast alle Alzheimerpatienten haben sogenannten Betaamyloid-Plaques im Gehirn.
- Untersuchungen wie die sogenannte Nonnenstudie (nun-study) haben aber klar ergeben, dass auch geistig normale alte Menschen "verplaqute" Gehirne haben können.
- Eine andere Theorie besagt, dass Alzheimer eng mit entzündlichen Prozessen im Gehirn zusammenhängt. Dies liegt u.a. deshalb nahe, weil Rheumapatienten, die viele Entzündungshemmer nehmen, seltener Alzheimer bekommen. Allerdings sind die Entzüngshemmer (bspw. Paraceptamol) bei Daueranwendung auch sehr nebenwirkungsreich.
- Tierversuche ergaben, dass Mäuse und Ratten, die künstlich "gealzheimert" wurden, wesentlich besserer kognitive Leistungen erbringen, wenn man sie mit Cannabis füttert.
- Cannabis wirkt entzündungshemmend und ist in geringer Dosierung nebenwirkungsarm.
- Der menschliche Körper ist in der Lage, körpereigene Cannabinoide zu produzieren, die ebenfalls entzündungshemmend sind und u.a. helfen, traumatische Erlebnisse zu vergessen.
- Weihrauch wird in der katholischen Liturgie gerne verwendet und enthält THC.
Schluss:
Wer sein Alzheimerrisiko vermindern will, sollte kiffen oder Nonne werden.
Frage:
Bekomme ich den Medizin-Nobelpreis?
28 August 2011
Idle walking
"Zum Naivitätsvorwurf sagt Hodgkinson, er sei das Gerede über "Realismus" und die "wirkliche Welt" einigermaßen leid. Was macht den die "wirkliche Welt" aus: fette Gewinne für Geschäftsleute? Oder doch eher "Dichtung, Freunde, Natur, Gott"?"
Wie gesagt, muss ich mal lesen, da scheint es eben im weitesten Zusammenhang mit meinem aktuellen Lieblingsthema Landleben um etwas anderes zu gehen - alternative (Land-)Leben als Konsumkritik und besseres Leben und nicht als dekorierte Modernismusexil à la meine Nachbarn - Job in der Automobilbranche, 50 000-Euro-Auto und Biokiste.
Wozu ich sagen muss, das man hier in Deutschland zum Beispiel in Berlin in der richtigen Ecke günstiger leben kann als in gefragten Einzugsgebieten von Großstädten wie hier dem vorderen Odenwald.
Wenn ihr Probleme habt, lauft durch Feld und Flur oder meintewegen Parks, die Natur und euer Körper sind die besten Therapeuten. Wenn ihr wütend und nervös seid, seid ihr nach 2-3 Stunden Wandern ausgeglichener, wenn ihr müde und deprimiert seid, hellt sich eure Stimmung auf. Ich profitiere sehr viel davon und merke, dass ich, in Schulzeiten immer die konkurrenzlos Unsportlichste in der Kohorte, für mein Alter inzwischen eher durchschnittlich sportlich bin. Und ich gestehe, ich bin schon etwas süchtig, nach 2-3 Tagen ohne ein-zwei Stunden in Wanderschuhen werde ich richtig unangenehm kribbelig.
Übrigens ist es erwiesen, dass regelmäßiger Ausdauersport (Wandern, Joggen, Radfahren, Schwimmen) die beste alternative Heilmethode für Depressionen ist und ähnlich wirksam oder sogar wirksamer als Antidepressiva. Siehe hier oder hier.
05 August 2011
O Tempora...
Denke darüber nach, dass ich ja, sollte ich eine durchschnittliche Lebenserwartung haben (und die Rauhfußröhrlinge vorhin wirklich Rauhfußröhrlinge gewesen sein ;-)), langsam aber sicher auf die Halbzeit zusteuer, sozusagen auf die ganz persönliche Sommersonnenwende. Dabei geht es mir wie mit der realen Sommersonnenwende Ende Juni - was, das soll jetzt schon der Höhepunkt sein, von dem aus alles langsam, aber sicher wieder dunkler wird? Es hat doch alles noch gar nicht richtig angefangen.
O Tempora O Moris - mir fällt immer mehr auf, dass Dispute über 1) Medizin, 2) Ernährung und 3) Kindererziehung heute in durchaus intelligenten, ökologisch korrekten, modernen und sogar spirituellen Kreisen mit einer Vehemenz geführt werden, mit der die Menschen früher ihre religiösen und konfessionellen Streiterein austrugen (jetzt mal ein paar merkwürdige Menschen aus evangelikalen und leserbriefschreibenden Kreisen außen vor gelassen, die immer noch über Marienverehrung oder so was die Köpfe einschlagen können). Also, wer mal wirklich von überall her eins auf den Deckel bekommen möchte, sollte sich eine Meinung zulegen wie: Homöopathie ist Quatsch, Steiner war ein Rassist, Hausgeburten sind gefährlicher Blödsinn und es ist ganz normal, regelmäßig Fleisch zu essen.
Das Gegenteil funktioniert natürlich auch.
16 Mai 2011
Fromme Gedanken
Gleichzeitig lese ich ein nicht besonders gut geschriebenes Buch von einem jungen katholischen Theologen und Journalisten, der 40 Tage das Exil-Kloster des Dalai Lamas in Nordindien besucht. Zu seinem Erstaunen besitzen selbst die ärmlichsten Mönche in geflickten Kutten ein Handy - weil es praktisch ist und das Leben vereinfacht! Sonstiger moderner Besitz macht das Leben nicht einfacher und wird daher (offiziell) von den Mönchen gar nicht angestrebt.
Rezensionen kommen noch.
Ich bin ja weder erleuchtet noch buddhistische Nonne, ja, nicht mal Veganerin, aber ich muss gestehen, dass "neue Dinge haben wollen" immer weniger zu meinen Gelüsten zählt. Deswegen sind immer alle auf mich sauer, wenn ich keine Antwort auf die Frage weiß, was ich mir zu diesem oder jenem Anlass wünsche - ein paar Bücher mal ausgenommen.
Hauptsache, ich kann in die Wälder. Die Vorstellung, nur noch in einer Stadt zu leben zu müssen, macht mich richtig kribbelig. Vielleicht brauchen die Menschen in der Stadt deswegen so viele Dinge, weil sie das nicht haben, was für alle in der Pampa kostenlos einfach da ist - Natur, Wälder, Berge, Meer.
13 Mai 2011
Komfortzone
Die Tage sind vom Wetter her schöner, als man für Mai hoffen kann. Auch
wenn ich natürlich weiß, es sollte regnen, den Wiesen und Bauern
zuliebe, und ich weiß auch um alle Probleme mit dem Klimawandel - so
muss ich doch immer schmunzeln, wenn ich irgendwo höre: das ist ganz
schlimm, wir könnten hier ein Klima bekommen wie - in Italien!
Wie gesagt, viel an den Haken und nicht nur erfreuliches, Pflege und
Beruf sind schwer zurzeit, und dazu Hausfrauenpflichten und dann auch
noch Kreativität? - da ist ganz schön schwer, halbwegs heiter und
relaxed zu bleiben, und doch gelingt es immer wieder ganz gut. Mal tu
ich mir Leid, dann tu ich mir gut.
Ich schüttel immer wieder den Kopf, wenn ich von diesem neuen Ausdruck
lese - er scheint mir erst seit kurzem gebräuchlich zu sein - man müsse
sich aus seiner "Komfortzone" herausbewegen. Klingt ja nach etwas, wo
alle erst mal dazu nicken - jaja, nicht immer nur bloß bequem auf dem
Sofa hocken, sondern auch Neues wagen, sich weiterentwickeln, etc. pp.
Andererseits geht mir dieses Selbstoptimierungblabla tierisch auf den
Geist. Ich habe mich in meinem Leben - auch in sehr faulen und bequemen
Phasen - nie lange in einer Komfortzone befunden. Wenn das Leben meint,
es müsste uns mal ein paar Erkenntnisstufen bergan jagen, dann tut es
das. Wir verlieben und und entlieben uns, wir meistern Ansprüche in
Schule, Ausbildung und Job oder scheitern daran, wir werden krank, wir
sehen Mitmenschen sterben, wir müssen Dinge stemmen, von denen wir gar
nicht ahnten, dass sie auf uns zukommen, müssen zu früh oder zu spät
Eltern werden, müssen lernen, wie wir etwas am Haus reparieren können,
anders essen, gärtnern. Müssen Demütigungen einstecken, Rückschläge,
müssen auch Zeiten durchstehen, wo es gar nicht weiterzugehen scheint,
wo das Wogen und Zerren in uns selbst uns in Atem hält, uns beinahe
zerreißt.
Und ab und zu kommen auch wunderbarerweise Tage, Wochen, Monate, in
denen alles ganz leicht wird, wunderbar, wo das Leben ein langer Urlaub
ist mit Weißweinschorle auf der Terrasse und Urlaub am Meer, mit
herrlich sinnlosen Gedanken, ohne Anstrengung, nur mit Lust und
Leichtigkeit. Und wer dann schreit "da, KOMFORTZONE, nichts wie raus,
schnell die nächste Sprosse erklimmen, hopphopp" - der kann mich mal.
22 April 2011
Vollmond und die Farbe Lila
Ein buttergelber Vollmond letzte Woche, einmal bei einem kleinen Frauentreffen gesehen, wo wir über das Thema Selbstständigkeit, Selbermachen, Eigenmacht diskutierten; dort u.a. sehr interessante Bildhauerin kennen gelernt. Fünf Frauen - drei Skorpioninnen!
Zu Hause: im Vollmondlicht im Garten döst eine Flasche Bachwasser mit Blüten für ein Ritual. Ich bin selbst überrascht, dass mein Wildehemann und ich die Esbats so konsequent feiern - mal ganz puristisch, mal etwas fantasievoller. Schwappt dabei Spiritualität in den Alltag? Hm.... bin eher unausgeglichen, aber - lebendig.
Sitze im Garten mit sporadischem W-Lan-Empfang, Blütenstaub pudert alles ein - Gartenstühle, Netbook, Katzen. Wind, ein paar quellende Wolken - vielleicht gibt es heute ein Gewitter? Bin ganz milde müde-verkatert, gestern langer Abend am Feuerkorb in netter Geesellschaft :-).
Denke mehr, als ich schreibe. Trage augenreizend viel violett und lila - schon bei Sappho die Farbe der Frauenliebe, der weiblichen Selbständigkeit, lese ich bei Wikipedia.
Ich diskutiere mit dem Wildehemann über eine - neue?! - Form des Männerspiri, die ich hier und da sehe und gegen die sich alles in mir sträubt - eine Form, die uns Frauen mit schönen Worten vollabert, dass sie von uns gelehrt und geführt werden müssen, weil wir ja so viel mehr Spiri und so weiter, und weil sie bisher so schlechte Jungs waren, so als Patriarchatspartikel. Und sie werden uns jetzt auch nicht mehr vergewaltigen.
Und die Frauen heulen vor Rührung.
Mich interessiert natürlich der spirituelle Werdegang von Freunden und meinem Partner, aber ich will niemanden führen, schon gar nicht, weil er Mann ist und ich Frau. Da soll ich ja schon wieder was für den Mann tun - diesmal nicht Socken stopfen oder sein Klo putzen, sondern ihn spirituell-Sein beibringen! Ja, können das die Männer nicht alleine?
Bei Erving Goffmann las ich schon vor 15 Jahren, dass man blöde Geschlechtsstereotype (zum Beispiel in der Werbung) daran erkennt, dass die Szenen einem surrreal vorkommen, wenn man die Geschlechter vertauscht. Stellt euch vor, ich sage - "Liebe Männer, ich möchte mich für alles Schlechte, was wir Frauen je getan haben, bei euch entschuldigen! Für alle intriganten Weiber, blutrünstigen Königinnen, gierigen Huren und Kindsmörderinnen. Bitte, verzeiht mir. Ihr seid so überlegen, so herrlich. Lehrt mich, so toll zu sein wie ihr..."
Da rollen sich die Zehennägel hoch, oder?
05 April 2011
Ja, aber...
Natürlich weiß sie, dass Neurotiker keine aktuelle psychodiagnostische Kategorie ist, aber ich finde die Aussage dennoch spannend, und sie begegnet mir tagtäglich - bei mir und, weil mensch die Fehler anderer um so klarer sieht, natürlich bei anderen.
Was ist mit "Ja, aber..." gemeint?
Wir wissen, dass wir nicht so leben, wie wir könnten, vielleicht müssten, vielleicht sollten. Uns ist bewusst, wir können, sollen oder müssen etwas ändern. Vielleicht Klarheit in der verzwickten Beziehung schaffen. Uns einen besseren Job suchen. Dringend abnehmen und mehr Sport machen. Etwas gegen die Zahnschmerzen tun. Dringend die Wohnung entmisten. Die Steuererklärung machen.
Nun kann man mit solchen Anforderungen auf drei Arten begegnen - nehmen wir als Beispiel Abnehmen. Ich habe mir über den Winter ein paar Kilo angefuttert, und was nun? Ich kann sagen - nö, das ist ok. Ich muss nicht abnehmen, ist doch egal, ich bin fit und meine Jeans Damengröße 40 passen noch, also was soll's.
Ich kann auch sagen: Ja, ich tue es. Wieder Schluss mit den abendlichen Gummibärchen und den Nüsschen, dafür mehr Gemüse und Möhrchen knabbern. Eine Stunde länger laufen bei meinen Wanderungen, dann bin ich es schnell wieder los.
Oder aber ich sage: Ja, eigentlich müsste ich abnehmen. Ja, aber.... daran, dass ich abnehmen muss, bin ich selbst ja gar nicht schuld. Ich esse nur viel, weil ich so gestresst bin. Mit der Pflege lassen einen ja alle alleine. Und die Gesellschaft stresst mich außerdem damit, dass ich dünn sein muss. Meine Oma war auch dick. Sicher liegt es in den Genen. Meine Eltern haben mir außerdem schon als Kind zu viel zu essen gegeben, deswegen war ich damals schon dick. Jugendspeck ist hartnäckig. Das ist so unfair. Die Werbung manipuliert mich außerdem. Und ich habe gar nicht viel Zeit zum Sport. Gymnastik geht nicht, der Kurs ist immer Montags, da kann ich nicht... und Tai Chi, ach, mein Wohnzimmer ist zu klein... draußen kann ich nicht üben, da gibt es Zecken... und wenn ich jetzt abnehme, muss ich mir neue Kleider kaufen, das wird zu teuer...
Mir ist bei mir selbst aufgefallen, dass es viel, viel mehr Mühe kostet, sich solche oft anstrengend Begründungsgebäude zu errichten, statt einfach zu sagen - ich wäge die individuellen Kosten und Nutzen einer Aktion ab, überlege, wie viel ich überhaupt wirklich dazu beitragen kann (manche Sachen sind ja aktuell nicht oder kaum zu ändern) - und dann tue ich es oder ich lasse es guten Gewissens sein (und bin damit Psychofalle Nummer drei entkommen von: 1) hätte ich doch nur früher, 2) wenn ich erst mal eines Tages und 3) ich müsste eigentlich...).
Für mich ist es immer eine Riesenbefreiung, wenn ich meine gedanklichen "Zwangsgebäude" so analysiere. Zum Bespiele - ich muss pflegen. Das ist oft anstrengend und macht keinen Spaß und bindet mich sehr ein. Ich kann nun sagen (und denke oft wirklich so): ich bin dazu gezwungen, böse Gesellschaft, böse Mitmenschen, ich armes Opfer. Ich bin Aschenputtel. Angekettet. Ich bin besser als ihr, weil ich mich aufopfere und es mir schlecht geht und ihr seid schuld.
Dabei ist das Unsinn. Ich kann jederzeit beschließen - ich höre damit auf. Bringe Mutter ins Heim, suche mit einen besser bezahlten Job oder verkaufe notfalls das Haus, um das zu bezahlen. Das will ich nicht, aber es wäre möglich. Ich kann abwägen zwischen den Belastungen von Pflege und denen, mit der Finanzierung einer Heimunterkunft belastet zu sein und vielleicht als "schlechte Tochter" dazustehen.
Ich kann eigentlich tun, was ich will, ich muss nur bereit sein, die Konsequenzen zu tragen.
Mich befreit solche Denke. Ich muss gar nichts, außer sterben, hieß es in meiner Familie immer. Und das stimmt doch auch!
Ja, ich weiß, in der Praxis ist das nicht so einfach. Geht mir auch so. Aber wenn ich merke, wie ich anfange, mir mit allerlei Argumenten zu begründen, wieso ich wichtige Dinge nicht angehe, sage ich mir - es reicht doch, dass ich einfach gerade keine Lust habe. Wozu mir zusätzliche Hindernisse aufbauen, die es mir nur um so schwerer machen, sollte ich doch mal wirklich wollen. Können. Müssen.
25 Februar 2011
Und dennoch: Sonne!

Anstrengende Woche war das für mich wie für meinen Wildehemann, da letzterer sehr viel gearbeitet hat - und ich so Muddilein parallel zum Job von früh bis spät alleine in der Verantwortung hatte. Manchmal ist das alles nett und easy und ich klopfe mit ununterbrochen selbst auf die Schulter, weil ich alles so gut hinbekomme, bis hin zum Fußnägeln schneiden (wähhhhhh).
Und manchmal bin ich so dünnhäutig und werde doch wieder von ihr unabsichtlich verletzt. "Du behandelst mich wie ein Dienstmädchen", murrte ich heute, weil sie wieder an all meinen hausfraulichen Tätigkeiten etwas zu meckern hatte. Eine Viertelstunde später kam sie zu mir und meinte: "Vorhin hat sich jemand vom Personal beschwert..."
Jetzt muss ich drüber lachen, aber da hätte ich beinahe in die Tischplatte gebissen!
Ich lese in der "Zeit", dass viele Menschen - auch und gerade aus Finanzkreisen - dazu übergehen, sich Land zu kaufen, Vorräte zu bunkern und Wildkräuterlehrgänge zu absolvieren, während sie im Job weiter riskante Aktienpakete verkaufen, die sie selbst nicht mehr anrühren würden.
Komische Zeiten.
Apropos: Was finden eigentlich alle an diesem von Guttenberg? Das gemeine Volk würde ihm ja offenbar noch zujubeln, wenn er Omas die Handtasche klaut. Hat der denn schon etwas Relevantes getan in der Politik, außer schneidig dreingucken? Ich kann mich nicht an den Gutttenberg-Plan zur Nahostbefriedung erinnern...
Mich erinnert er immer an die Streber, die im Jahrgang keiner leiden konnte, die trotzdem versucht haben, auf Parties cool zu sein, und nach drei Bier total peinlich wurden und vom Balkon gekotzt haben. Und die auch einmal am Joint gezogen haben, aber nicht inhaliert.
Habe ich schon mal geschrieben, aber diese Perspektive finde ich sehr erhellend. Ich stelle mir vor, wie Leute mit 15-18 waren, und habe das Gefühl, sie dann besser zu verstehen. In dem Alter ist der Grundcharakter schon da, aber die Rollen und Schutzschilde noch kaum vorhanden. Klar, viele reifen und wandeln sich später, aber bei manchen scheint der Teenager noch deutlich durch.
Richtig verloren geht nichts, Jahre legen sich um uns wie Jahresringe um einen Stamm, verändern unser Aussehen, aber die früherern Ichs bleiben immer innen drin erhalten, unsichtbar.
Das war das Wort zum Freitag!
30 November 2010
Winter-Tao
Apropos Mutter - habe "legales Personal" und theoretische Geldquelle für zwei freie Nachmittage im Monat aufgetan; jetzt muss eigentlich "nur" noch die Pflegekasse mitspielen und mir diese "Verhinderungspflege", so nennt sich das, bewilligen - und bezahlen.
Et moi?
Ganz gut, ein paar Dinge in verschiedenen Bereichen, um die ich mir ein bisschen sorgenvolle Gedanken mache, aber nicht so schlimm... las in der Zeit, "wir Nordeuropäer" neigten genetisch mehr zum Sorgenmachen, weil über Jahrtausende die Sorglosen in den langen kalten Wintern ausgestorben sind; ob das stimmt? Genausogut hätten sich all die besonders Sorgenvollen in den langen kalten Wintern umbringen können!
Und: Überraschung, weil ich, seit ich die Wege des Buddhismus und vor allem des Zen als nicht zu mir passend,als zu unfroh, zu deprimierend, zu künstlich, zu wenig kraftvoll abgetan habe - eine große Erleichterung! Ah, back to Mama Goddess' roots! - dennoch merke, dass ich tendenziell immer mehr davon befolge.
Lese gerade ein paar Bücher von Thich Nhat Han und lache, weil er das beschreibt, was ich immer als die kleine kühle Frau im Oberstübchen bezeichnet habe, die wahrnimmt, analysiert und benennt, wenn ich wütend bin oder traurig oder aufgeregt oder sonst was. Ich finde es sehr erleichternd, wenn ich diese Gefühle so wahrnehme, ohne darüber zu grübeln. Ich habe gemerkt, dass meine oft wenig an reale Lebensumstände gebundenen Stimmungsschwankungen eher extremer werden, wenn ich grüble - wieso bin ich traurig? Oh, meine leidvolle Teenagerzeit, mein berufliches Versagen! Grübel, was war der aktuelle Auslöser? Jener Brief oder doch die Dunkelheit? usw. usw. usw.
Besser, nur zu sehen - ich bin sorgenvoll. Ich atme ein und spüre es, ich atme aus und spüre es. Ich trinke Rosentee und merke, wie gut der schmeckt. Ich kann mit beidem gut leben, der Sorge und dem Rosengeschmack.
Dennoch: ich werde NICHT über verwesende Leichen meditieren!
15 November 2010
Gedankenspiele
Habe jetzt aber gelernt - Tage wie gestern, wo es fast auf die 20 Grad hochgeht im Spätherbst, heißen nach dem Heiligen Martin (11.11.) "Martinssommer". Natürlich war ich spazieren... ah, wie liebe ich das Rascheln von Laub unter meinen Füßen.

Heute regnet es leider wieder und ist kühl. Sofawetter. Bin dennoch irgendwie unentspannt - so viel zum drum kümmern, Job und privat, alleine zwei Dauerbaustellen im Bereich "ich gegen eine gewisse private Kranken- und Pflegeversicherung".
Ich habe übrigens ein hübsches Gedankenspiel entdeckt - versuche dir vorzustellen, wie jemand, den du erst als ErwachseneN kennen gelernt hast, als Kind war. Als achtjähriges Schulkind, als pickligeR PubertierendeR mit 13, als Teenager mit 16-17.
Wenn du dir ein Bild gemacht hast, kannst du ja mal nachfragen, ob es stimmt...
Ach ja, und noch was muss ich loswerden - liebe Kristina Schröder, du bist doch kaum jünger als ich! Ist es wirklich möglich, dass jemand wie du die Bedeutung der feministischen Bewegung nicht versteht? Und nicht begreift, in welchem Post-Nazi-Macho-Mief die BRD bis in die 70er, 80er-Jahre steckte? Ich bin jetzt auch kein Alice-Schwarzer-Fähnchen-Schwenker, finde einige ihrer Einstellungen grenzwertig (Selbstdarstellung für/in Bildzeitung, Islamophobie)...
ABER: Frauen wir ihr haben wir es zu verdanken, dass uns Ehemänner nicht mehr das Arbeiten gehen verbieten und uns nicht mehr in der Ehe vergewaltigen dürfen (seit - 1997!!!). Das ein Thema wie Genitalverstümmelung in die Medien vordrang.
Das ein paar Ausprägungen des Feminismus der 60er/70er heute etwas obskur erscheinen - natürlich. Schaut euch doch mal an, was frühe Ökos in der Hippiezeit so geschrieben haben... da ist viel Unsinn dabei. Und, schaffen wir deswegen den Umweltschutz ab? Umweltschutz, da heben wir doch alles erreicht. Können wir doch jetzt lassen.
Oder Naturheilkunde - da gab/gibt es ein paar sehr merkwürdige Ausformungen. Aber schaffen wir sie deshalb ab?
Nein. Wie andere Positionen auch geht der Feminismus mit der Zeit, wandelt sich, und selbst Dauerfeindbild Alice Schwarzer ist nicht das männerfressende Monster, das komischerweise auch heute noch viele in ihr zu sehen scheinen...
So, das war das Wort zum Montag.



