11 März 2014

Alles im Griff

Kürzlich dachte ich über das Idiom "Sein Leben im Griff haben" nach. Für mich klingt es um so merkwürdiger, je länger ich darüber nachdenke. In welchem Griff denn? Würgegriff? Polizeigriff? Wenn ich es nicht im Griff habe, was passiert dann? Läuft es mir davon? Mag es mich so wenig Leiden, mein Leben?

Und wie kann ICH mein LEBEN überhaupt in irgendwas haben... Bin ich nicht mein Leben? Bin ich nicht das, was mich geformt hat - und was ich forme? "I am the weaver, I am the woven one" heißt es in einem Chant. Ich bin eingebunden und eingeflochten in ein riesiges Netz aus Beziehungen und Kausalketten, die mich prägen - und die ich selbst verändere. Ich bin eher Wechselwirkung, eine Schwingung als ein Ding. Kommt wahrscheinlich drauf an, wie man auch mich draufschaut.

Ich kann zwischen mir und meinem Leben keinen großen Unterschied feststellen. Ich bin ein lebendiger Körper, ein denkender und fühlender Geist, der wiederum aufs Engste mit dem Körper, sprich dem Gehirn, und seinen Funktionen verwoben ist.

Alles im Griff kann und werde ich nie haben. Ich glaube, das ist so eine neuzeitliche Idee, zu denken - ich muss nur alles richtig machen, dann wird das mit Gesundheit und Erfolg belohnt. Geht es uns gut, verbuchen wir das als eine besondere Leistung von uns - wir haben richtig gehandelt, richtig gedacht. 

Zum Teil stimmt das natürlich. Wir haben Einfluss auf unser Leben, können Entscheidungen fällen, selbstzerstörerisch oder weise handeln. Aber vieles liegt außerhalb unserer Einflusssphäre - unsere Herkunft, unser Gene, das, was uns begegnet. Ich kann auch als beste Autofahrerin der Welt in einen Unfall verwickelt werden. Ich kann noch so viel Psychohygiene betreiben und doch depressiv werden. Ich kann supergesund leben und dennoch an einer schlimmen Krankheit leiden.

Die Menschen, die wir psychisch gesund nennen, denken ja - wenn was toll läuft, hab ich es vollbracht. Wenn etwas mies läuft, ist die Umwelt schuld. Depressive Menschen werten das übrigens oft genau umgekehrt, sehen den Zufall im Erfolg und das eigene Versagen im Unglück. Studien legen nahe, dass sie ein wenig näher an der Wahrheit dran sind als wir "gesunden Optimisten".

Ich frage mich, wie früher die Menschen das gesehen haben - oder heute sehen in anderen Kulturen, wo das Schicksal so viel öfter sichtbar und unbarmherzig zuschlägt. Wo eine Frau weiß, jedes zweite Kind wird mir wegsterben, bevor es fünf ist. Wo man weiß, der nächste Kriegszug, die nächste Räuberbande ist nie fern und kann mir alles ganz schnell nehmen.

Die Frage ist – wie gehen wir damit um? Ich hatte vor langer Zeit mal mit einer Freundin darüber gesprochen, dass sie es deprimierend findet, dass man nicht seine Gesundheit einfach garantiert optimieren kann, indem man alles richtig macht. Ich finde es merkwürdigerweise eher befreiend, zu wissen – ich muss nicht ständig an allem drehen, alles verbessern, denn es liegt sowieso nicht alles in meiner Hand. 

Er oder sie hat alles im Blick.

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