Kürzlich dachte ich über das Idiom "Sein Leben im Griff haben" nach. Für mich klingt es um so merkwürdiger, je länger ich darüber nachdenke. In welchem Griff denn? Würgegriff? Polizeigriff? Wenn ich es nicht im Griff habe, was passiert dann? Läuft es mir davon? Mag es mich so wenig Leiden, mein Leben?
Und
wie kann ICH mein LEBEN überhaupt in irgendwas haben... Bin ich nicht
mein Leben? Bin ich nicht das, was mich geformt hat - und was ich
forme? "I am the weaver, I am the woven one" heißt es in
einem Chant. Ich bin eingebunden und eingeflochten in ein riesiges
Netz aus Beziehungen und Kausalketten, die mich prägen - und die ich
selbst verändere. Ich bin eher Wechselwirkung, eine Schwingung als
ein Ding. Kommt wahrscheinlich drauf an, wie man auch mich
draufschaut.
Ich
kann zwischen mir und meinem Leben keinen großen Unterschied
feststellen. Ich bin ein lebendiger Körper, ein denkender und
fühlender Geist, der wiederum aufs Engste mit dem Körper, sprich
dem Gehirn, und seinen Funktionen verwoben ist.
Alles
im Griff kann und werde ich nie haben. Ich glaube, das ist so eine
neuzeitliche Idee, zu denken - ich muss nur alles richtig machen,
dann wird das mit Gesundheit und Erfolg belohnt. Geht es uns gut,
verbuchen wir das als eine besondere Leistung von uns - wir haben
richtig gehandelt, richtig gedacht.
Zum Teil stimmt das natürlich. Wir haben Einfluss auf unser Leben, können Entscheidungen fällen, selbstzerstörerisch oder weise handeln. Aber vieles liegt außerhalb unserer Einflusssphäre - unsere Herkunft, unser Gene, das, was uns begegnet. Ich kann auch als beste Autofahrerin der Welt in einen Unfall verwickelt werden. Ich kann noch so viel Psychohygiene betreiben und doch depressiv werden. Ich kann supergesund leben und dennoch an einer schlimmen Krankheit leiden.
Zum Teil stimmt das natürlich. Wir haben Einfluss auf unser Leben, können Entscheidungen fällen, selbstzerstörerisch oder weise handeln. Aber vieles liegt außerhalb unserer Einflusssphäre - unsere Herkunft, unser Gene, das, was uns begegnet. Ich kann auch als beste Autofahrerin der Welt in einen Unfall verwickelt werden. Ich kann noch so viel Psychohygiene betreiben und doch depressiv werden. Ich kann supergesund leben und dennoch an einer schlimmen Krankheit leiden.
Die
Menschen, die wir psychisch gesund nennen, denken ja - wenn was toll
läuft, hab ich es vollbracht. Wenn etwas mies läuft, ist die
Umwelt schuld. Depressive Menschen werten das übrigens oft genau
umgekehrt, sehen den Zufall im Erfolg und das eigene Versagen im
Unglück. Studien legen nahe, dass sie ein wenig näher an der
Wahrheit dran sind als wir "gesunden Optimisten".
Ich
frage mich, wie früher die Menschen das gesehen haben - oder heute
sehen in anderen Kulturen, wo das Schicksal so viel öfter sichtbar
und unbarmherzig zuschlägt. Wo eine Frau weiß, jedes zweite Kind
wird mir wegsterben, bevor es fünf ist. Wo man weiß, der nächste
Kriegszug, die nächste Räuberbande ist nie fern und kann mir alles
ganz schnell nehmen.
Die Frage ist – wie gehen wir damit
um? Ich hatte vor langer Zeit mal mit einer Freundin darüber
gesprochen, dass sie es deprimierend findet, dass man nicht seine
Gesundheit einfach garantiert optimieren kann, indem man alles
richtig macht. Ich finde es merkwürdigerweise eher befreiend, zu
wissen – ich muss nicht ständig an allem drehen, alles verbessern,
denn es liegt sowieso nicht alles in meiner Hand.
Er oder sie hat alles im Blick.
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