28 November 2009

Großer stiller Therapeut

Die Zeit rennt - schon wieder eine Woche um?

Zwei Mal tief durchgeatmet, zwei Mal lange geweint, zwei Anfragen für Verlage fertig gemacht; ein bisschen gearbeitet, ein bisschen geärgert über Verwaltungen und horrende Kostenvoranschläge meiner Foltersitzungen 2010 beim Zahnarzt - bin ja jetzt günstig gesetzlich statt teuer privat versichert, was bedeutet, dass mir beim Zahnersatz statt fast nix nun - fast nix bezahlt wird ;-).

Ein Pieksen hier, ein Lob für meine Arbeit dort, jede zweite Nacht wachliegen und sorgen; im Tai Chi mal wieder kapiert, dass man den Beckenboden schließen muss, damit einem das Chi nicht herausfließt, hin und wieder Schmerzen im Fuß (ach, ich wollte doch Beinwell ausgraben...), trotzdem wieder mehr Besuche beim - in irgendeiner der vielen Depressions-Reportagen in irgendeiner Zeitschrift gelesen - "großen stillen Therapeuten".




Ich liebe diesen Ausdruck und stelle zum hunderttausendsten Mal fest - es gibt keinen Schmerz der Seele, der nicht nach 1-2 Stunden Laufen in der Natur zumindest etwas besser ist.

22 November 2009

Inanna

Ahhh, Inanna.

Zufällig fiel mir mal wieder eine Tarotlegung, die sich auf Inannas Abstieg in die Unterwelt bezieht, in die Hände, und da ich zurzeit genug Restsamhainstimmung und Weltschmerzanfälle habe, legte ich sie mir zu der sehr interessanten Inanna-Musik von Helga Pogatschar... muss ich noch drüber nachdenken, was mir das alles sagt. Abstieg, Zerstückelung, Aufstieg, das ist so mein Heilungsmythos, und Heilung ist gerade mein akutes "Arbeitsthema".

Mich spricht der Inannamythos, vor allem ihr Abstieg in die Unterwelt, immer wieder sehr an, und das rekonstruierte Sumerisch in Pogatschars Werk klingt so frisch und vertraut, als hätte ich es schon einmal gehört.

Hier und hier gibt es mehr über sie auf inanna.de.

18 November 2009

Moi, Hilde und Picasso

Heute endlich mal wieder Sonnenwetter und mild, bin trotz viel Arbeit ein bisschen herumspaziert draußen - und habe prompt einen Migräneauraanfall bekommen. Spazierengehen ist mein Haupttrigger, was blöd ist, denn das will ich nicht vermeiden!

Inzwischen pendelt sich die Häufigkeit aber auf einmal alle 1-3 Monate ein, das finde ich noch akzeptabel.

Was mir nur diesmal wieder extrem auffiel - neben der Fortifikation und dem Schwindel und einem Druck im Kopf ist das merkwürdigste Symptom, dass ich speziell Gesichter nicht mehr als Ganzes erkennen kann. Landschaft, Gegenstände - ok (bis auf die Störungen im Blickfeld natürlich), aber Gesichter zerfallen zu ziemlich grotesken Gebilden, wie bei Picasso. Das setzt oft schon kurz vor der Aura ein und ist ein sicherer Hinweis, das es los geht.

Habe mal nachgeschaut, und tatsächlich hatte der auch Migräne. Ob er aber deshalb so gemalt hat, weiß ich nicht.

14 November 2009

GZSZ

Mit meiner Mutter wird es, wie immer, wenn es dunkler wird im Herbst, nicht gerade besser. Je mehr Licht und Helligkeit ist, desto mehr Aktivität legt sie an den Tag, und desto klarer ist sie im Kopf; geht uns Nichtdementen ja auch so, nur ist der Unterschied weniger gravierend.

Manchmal gehen Sachen gut - selbsttätig ein paar komplexere Besorgungen machen zum Beispiel - dann wieder ist alles "ganz anders", und ihr ist nicht mal ganz klar, dass sie einen (nicht mehrere) Untermieter hat, oder wann der Pflegedienst kommt. Als ich an meinem Geburtstag mit dem Wildehemann einen Ausflug gemacht habe, stand sie bei der Heimkehr verwirrt vor der Tür und klagte, wo wir denn so lange waren... natürlich hatten wir ihr es vorher erzählt, natürlich waren wir nur ein paar Stunden weg, aber Zeit ist für sie Schall und Rauch; 17 Uhr kann tiefste Nacht sein, und vier Stunden eine Ewigkeit.

Hat mich dennoch sehr deprimiert; habe daher erst mal eine Runde geheult... dass ich geburtstag statte, hat sie eh nicht richtig mitbekommen. Bin eh grade nicht so super gelaunt, schlafe nie durch, grübel die halben Nächte durch, bringe keine vernünftigen Ergebnisse bei der Arbeit, habe Angst und hypochondriere...

Positiv dagegen - die Kasse hat ohne Murren die ersten Rechnungen der Behandlungpflege bezahlt. Puhhh!

Ich glaube, ich beherzige den Tipp eines lieben alten Freundes und mache mich auf die Suche nach einer lokalen Selbsthilfegruppe. Manchmal fühle ich mich, als hätte man mir ohne mein Einverständnis eine schwere Eisenkugel ans Bein geschmiedet, die mir vieles, was andere Frauen mit 36 tun können, unmöglich macht, und schwanke wegen diesem Gedanken zwischen Wut und Scham und Selbstmitleid.

Schlauer dummer Hund

Mein Hund. — Ich habe meinem Schmerze einen Namen gegeben und rufe ihn "Hund", — er ist ebenso treu, ebenso zudringlich und schamlos, ebenso unterhaltend, ebenso klug, wie jeder andere Hund — und ich kann ihn anherrschen und meine bösen Launen an ihm auslassen: wie es Andere mit ihren Hunden, Dienern und Frauen machen.

(Nietzsche)

08 November 2009

Und wie hast du es erfahren?



Ich war 15, und es war mein erster Auftritt auf einer Theaterbühne. Wir spielten mit dem Schultheater ein ambitioniertes sozialkritisches Jugendstück namens "Diesseits des Regenbogens". Meine Mutter holte mich danach mit dem Auto ab, und als ich in den Wagen stieg, sagte sie - du, die Mauer ist offen!

Die Wochen zuvor habe ich sehr interessiert die Vorgänge in den Botschaften, in Ungarn und die Montagsdemonstrationen verfolgt. Es lag etwas in der Luft. Meine Eltern kamen selbst ursprünglich aus der DDR und waren kurz vor dem Mauerbau "abgehauen"; wir hatten aber Bekannte und Verwandte "drüben". Wir fragten uns, was wohl passieren würde, ob das SED-Regime die friedliche Revolution wohl niederknüppeln würde, wie beim Volksaufstand 1953, den meine Eltern mit 19 miterlebt hatten.

Ich war wirklich froh, als ich hörte, dass alles unblutig ablief, dass Verwandte und Bekannte in Sicherheit waren. Außerdem öffnete sich ja auch nicht nur dem Osten die Welt Richtung Westen, sondern auch dem Westen der Osten - das wird oft vergessen. Es war ja vorher kaum möglich, sich als Westler unregelmentiert im Osten herum zu treiben. Ostberlin war Feindesland, und wenn wir dort waren, hatte man angesichts der ganzen Vopos, der Grenzkontrollen und der paar Bravos, die man schmuggelte, immer eine dumpfe Angst im Bauch.

Ich sehe es heute mir Erstaunen, wie die Ostalgie die DDR heute verkitscht, als wäre alles nett und lustig gewesen, FKK und Sandmännchen, Ostschokolade und ein Kessel Buntes. Ich habe die DDR als sehr bedrückend erlebt, und ich weiß, dass auch unsere Bekannten dort es so empfanden außerhalb der kleinen heilen Welt ihrer Nachbarschaft. Man musste immer aufpassen, nichts falsches sagen, ein kleiner Witz in der Öffentlichkeit, und schon drehte man ängstlich den Kopf, ob das nicht wieder der Falsche gehört haben könnte.

Ostberlin war grau, trostlos, die Läden leer, die Schlangen davor oft lang.

Eine Freundin behandelt in ostdeutschen psychosomatischen Kliniken Menschen, die durch Stasifolter traumatisiert wurden und bis heute leiden.

Einmal wurden Briefe von unseren Bekannten abgefangen, wo sie etwas von einem "Herrn Meier" erzählten, der bei ihnen im Garten in der Gartenhütte lebte. Die Stasi schnüffelte in der Nachbarschaft herum, stellte Fragen.

Dabei war Herr Meier eine Ziege.

Aber ich muss gestehen, die Euphorie des Mauerfalls schwand in den Monaten danach bis zur Wiedervereinigung; einmal wurde man in der Schule etwas sehr ausgiebig mit dem Thema bombardiert, und mich nervte es an, dass mein politisches Feindbild Helmut Kohl die ganze weitere Vereinigung an sich riss, und außerdem hatte ich mit 15-16 ganze andere enorm wichtige Dinge zu tun - mich verlieben, mich die ersten Male betrinken, Partys feiern und Löcher in meine Jeans schneiden.

Und du?
Was hast du am 9.11. 1989 gemacht?

07 November 2009

Zen und die Kunst des Ingwerteekochens

Blätter fallen, mein Herz und Hirn werden leichter, das diffuse Krankheitsgefühl bleibt, aber sei's drum... trinke Ingwertee mit Zitrone und lese viel. Drückt mir die Daumen, dass ich halbwegs fit bliebe, nächsten Samstag feier ich hier ein bisschen! Freu mich drauf, mein Bedarf an Menschenmeiden ist wohl gestillt.

Las ein interessantes Buch über Zen - "Zen denken" von Benjamin und Amy Radcliff - das Zen aus westlicher Perspektive beschreibt und bei dem zum ersten Mal ansatzweise das Gefühl habe, zu verstehen, worum es im Zen überhaupt geht. Darüber kommt bald in Lesen.Lesen noch eine Rezension.

Mein Wildehemann ist familienfeiertechnisch bei den in-laws unterwegs, ich bleibe hier als Mutter-und-Katzen-Sitter. Außerdem ist meine beste Freundin auf Odenwaldbesuch, und wir wollen uns heute Abend treffen.

Meiner Mutter ist in letzter Zeit oft langweilig, dann fliegt sie aus ins Dorf und kommt mit Geschenken wieder - zuckerstarrende Kuchen und Teilchen. Da sie das als Diabetikerin nicht in nennenswertem Umfang essen darf und es lieb gemeint ist, nehmen wir das dann an uns, aber ich kann und will davon gar nicht viel essen.

Kriegt es der Wildehemann ;-).

 
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