Ich überlege schon eine Weile, ob ich etwas zum Thema Sexismus schreibe. Habe einige Blogbeiträge gelesen, denen ich mal mehr, mal weniger zustimme. Habe länger nachgedacht und war schockiert, wie viele, fast unzählige sexistische Momente ich im Leben (vor allem als Mädchen und junge Frau) schon erlebt habe, obwohl ich bisher immer "heil davongekommen bin".
Ich möchte aber nicht darüber schreiben, was mir alles Unangenehmes widerfahren ist, sondern, wann ich in zwei Situationen in meinen Augen gut reagiert habe. Einmal mit Humor - einmal mit Aggression.
1) Ich war Mitte 20 und neu als Praktikantin in einem Konzern. Ich sollte dort etwas schreiben - was genau, tut hier nichts zur Sache. Zusammen mit einem älteren Kollegen war ich in einer Besprechung eines höheren Tieres des Konzerns. Der schwafelte wichtigtuerisch davon, wie man einen Text für den Leser attraktiv mache. Denn, hähä, so meinte er an mich gewandt, "Leser sind wie Frauen, die zieren sich ja auch immer ein bisschen, nicht wahr, hähä, zwinker, zwinker." Ich sah ihn an und meinte, ohne nachzudenken: "Wirklich? Bei mir zieren sich Frauen nie."
Sekundenlange Verwirrung beim Gegenüber. Glotz. Denk. Glotz. Denk.
Dass der mich danach wahrscheinlich für lesbisch hielt, war mir egal!
2) Ich war Mitte 30 und alleine in einer Turmruine. Ein jüngerer molliger Mann kam dazu, vielleicht Anfang 20. Er schwafelte mich voll, ob ich rauchen würde, aus welchem Ort ich käme usw. Ich kapierte gar nicht, was er von mir wollte. Ich ging ihm aus dem Weg und antwortete nur wortkarg, aber er versperrte mir den Ausgang. Mir wurde das langsam unheimlich, und ich stieg ganz in den Turm hinauf. Das letzte Stück erreicht man nur über eine Art Leiter, und ich dachte - da kann ich den dran hindern, mir nachzukommen, und ihm auf die Finger und den Kopf treten. Als ich da war, kam von unten plötzlich die (etwas kleinlaute) Frage, ob ich nicht jetzt mit ihm "einen Quickie" machen wolle. (Offenbar hatten wir genug Smalltalk). Ich bin völlig ausgerastet und habe ihn so wüst und laut beschimpft, dass er weggerannt ist. Aber ich muss gestehen, dass es eine Weile gedauert hat. bis ich mich an dem Ort wieder wohl gefühlt habe.
Hast du schon mal in deinen Augen gut auf eine sexistische Anmache reagiert? Vielleicht magst du davon erzählen. Ich finde es wichtig, nicht nur zu sagen - dieses und jenes Verhalten finden wir Frauen in dieser und jener Situation scheiße. Sondern auch zu teilen - so haben wir angemessen reagiert.
PS: Guter Artikel für die Männer (englisch)
9 Kommentare:
Oh je, bei der Situation in der Turmruine wäre es mir auch ziemlich mulmig gewesen!
Leider weiß ich bei so Vorkommnissen immer erst später, wie ich wirklich angemessen hätte reagieren können/sollen. Wenn es passiert, bin ich meist zu perplex.
Wir hatten im Gym einen Lehrer, der sich gern von hinten über uns Schülerinnen beugte und dann ganz "zufällig" die Brüste berührte. Bei Skifahrten hat er in der Disco immer die hübschesten Schülerinnen zum "Klammerblues" aufgefordert. Und niemand, nicht wir Schülerinnen, nicht die Eltern, nicht die Lehrerschaft hat dagegen etwas unternommen. Dieser Typ hat das bis zu seiner Pensionierung durchgezogen. Ich frage mich, warum wir alle kollektiv geschwiegen haben.
Zweiter Vorfall vor 3 Jahren auf einem Campingplatz in Holland. Ich bin spät abends noch einmal auf die Toilette, aber nicht in das nächst gelegene Sanihaus, sondern in das ein paar Minuten entfernte gegangen. Wollte noch ein bisschen frische Luft schnappen. Beim Reingehen in den Eingangsbereich merke ich schon, dass mich ein Typ von den Männertoiletten her komisch anschaut. Wir sind allein. Ich gehe schnell auf die Toilette, habe schon schweißnasse Finger. Ich komme wieder raus in den durch Türen verschlossenen Eingangsbereich. Der Typ steht noch immer da, läuft mir hinterher, kommt näher. Ich erwische die falsche Tür, die ist verschlossen. Der Typ steht hinter mir und bläst mir seinen Atem in den Nacken. Ich fummele panisch herum, um endlich die nicht verschlossene Tür zu finden. Ich denke: gleich packt er mich. Dann geht zum Glück die Tür auf und ich renne in die Nacht hinaus, zurück zum Wohnwgen. Dort heule ich erst einmal.
Am nächsten Tag melde ich den Vorfall bei der Rezeption. Was natürlich nichts bringt. Es gibt auch keine Überwachungskameras. Hätte ich zur örtlichen Polizei gehen sollen? Eine genaue Beschreibung des Types wäre mir schwer gefallen. Außerdem hätte seine Aussage gegen meine gestanden.
Ich hatte mir damals vorgenommen, einen Selbstverteidigungskurs zu machen. Leider noch nicht geschehen.
Ich hätte schreien, auf mich aufmerksam machen sollen. Mich wehren sollen. Ich war zu überrascht, kannte nur noch den Fluchtreflex.
Warum begeben wir uns so schnell in die "Opferrolle". Ich nehme deinen Beitrag als Anlass, mich wieder ernsthaft mit dem Thema und meinem Verhalten zu beschäftigen. Danke, dass du das in aller Offenheit thematisiert hast.
Heike
Ich habe auch diverse Situationen erlebt, auch im Beruf als Industriemechanikerin.
Wenn es jemand wagt mich doof anzumachen solle er schwer aufpassen, es kann nämlich sein das ich nicht lange fackel.
Einmal habe ich sogar meinen Hund den Befehl "Fass Kehle" gegeben. Mein Hund weiß zwar nicht was das bedeuten soll, aber das Gesicht der Kerle war großartig!!
Einen Spanner am See ab ich leider nicht gekriegt den hätte ich gerne einen kräftigen Tritt in die Weichteile verpaßt bevor ich die Bullen kamen. Schade!!
Aber ich bin kein Opfertyp und lauf auch nachts ohne Angst durch die Gegend. Trotzdem mal doofe Kommentare. Aber seit dem ich auf dem Land wohne ist es nicht mehr vorgekommen!
Hallo Nenya,
"Fass Kehle!" finde ich wunderbar geistesgegenwärtig. Ich frage mich nur, wie ich das meinem Hund beibringe. Er soll natürlich nicht jedem gleich an die Kehle gehen, aber er könnte wenigstens mal ein bisschen böser gucken. Halt den Beschützer geben.
Ich finde es gut, dass du in solchen Situationen nicht lange fackelst. Davon möchte ich mir eine Scheibe abschneiden.
Ich bin da eher wie mein Hund....
Heike
Hallo ihr beiden, Danke für eure Kommentare. Ich rege mich zurzeit wirklich über all jene (Männer) auf, die überall herumtönen, es sei ihr gutes Recht, beleidigend und übergriffig zu sein. "Wir sollen wir denn sonst flirten?!?" Ja, so wie wir Menschen alle kommunizieren sollten - empathisch und respektvoll! Ist das so schwer?
neben vielen begebenheiten, in denen ich nicht in der lage war zu reagieren, gibts doch eine, wo das ging:
während meiner lehre zur verkäuferin kam es immer wieder vor, daß eine stammkundschaft einen "zufällig" am popo streifte, wenn man auf einer leiter am regal stand. die ersten male war ich völlig baff, reagierte deshalb gar nicht. ich hab das mit kolleginnen besprochen, ob das bei denen auch so ist. sie bejahten, zuckten allerdings nur mit den schultern, wenns um meine frage ging, was man tun könnte, als ob ihnen das nicht wichtig wäre (kann ich bis heute nicht nachvollziehn). ich war sauer und wollte das nicht so stehen lassen, deshalb hab ichs dann provoziert. als die kundschaft rein kam, ich schnell auf die leiter, und prompt: popo-streifer. sehr aggressiv erklärte ich ihm, daß er das bitte sein lassen soll!
erstaunlicherweise kam er trotzdem weiter zum einkaufen, aber "gestreift" hat er nie wieder.
liebe grüße
sommersonne
Hallo Bodecea,
die Fähigkeit, empathisch und respektvoll miteinander zu kommunizieren ist im Allgemeinen leider nicht nur den Männer abhanden gekommen. Auch bei Frauen (untereinander) werden mitunter ganz schön die Ellbogenen ausgefahren. Klar, dass ist kein Zeichen von Sexismus, aber trotzdem nicht in Ordnung. Unsere Gesellschaft "verhärtet" zusehends.
Liebe Grüße.
Hallo Sommersonne,
Danke für deinen bericht. Da sieht frau doch auch wieder - Maul aufmachen hilft halt doch.
Hallo Heike,
Ja klar, Frauen sind auch nicht immer nett zueinander oder zu Männern.
Hm, aber ob alles wirklich immer schlimmer wird im täglichen Miteinander? Ich mag das zumindest für Hierzulande (und gerade hier in der Pampa) nicht unterschreiben. Kommt ja auch drauf an im Vergleich zu wann. Wenn ich denke, was an Mord und Totschlag früher normal war (17./18. Jhd, siehe Hölzerlips, oder gar davor im 30jähr. Krieg), und wie selbstverständlich noch im 20. Jhd Kinder und Frauen geschlagen wurden... selbst vor 20-30 Jahren galten hier ja Kerweprügeleien als normal und nicht als etwas, wo man die Polizei ruft. Und Sexismus war sowieso normal. Und die engeren sozialen Bindungen früher bedeuteten ja auch mehr sozialen Druck. Bedeuten sie heute immer noch, deswegen mag ja kaum ein Schwuler im Kaff wohnen bleiben...
Hallo Bodecea,
mit deinem letzten Kommentar hast du mich zum Grübeln gebracht. Ich glaube, dass Sexismus und das Empfinden, was jetzt im Miteinander noch tolerierbar ist und was nicht, auch immer eine sehr persönliche Angelegenheit ist. Sozusagen, wie hoch der eigene Toleranzlevel ist. Im Vergleich zu früher, da hast du recht, fassen wir uns gegenseitig ja geradezu mit Samthandschuhen an. Trotzdem empfinde ich momentan sehr viel Härte und wenig Empathie im gesellschaftlichen Umgang. Aber das ist meine ganz persönliche Einschätzung, der ich mich stellen muss.
Liebe Grüße in den anderen Teil des Odenwaldes.
Heike
zum thema "angemessen auf sexismus reagieren" gibts hier was: www.onebillionrising.org & www.onebillionrising.de
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