Und dann gibt es wieder solche Tage -
Die wallenden Nebel werden zu etwas wie drückendem Smog und beißen in den Lungen. Erste Graupel rieseln daraus hervor. Gestern Abend hat meine Mutter gesagt, dass wir zu ihr gezogen sind, sei der schlimmste Fehler ihres Lebens gewesen (Hintergrund war, dass ich wegen niedrigem Zucker darauf bestehen musste, dass sie ihr Abendbrot aß, und ihr das nicht passte). Ja, ich weiß, das ist nur die Krankheit und sie kann nix dafür und überhaupt, aber es hat mich ins Herz getroffen, diese unbeabsichtigte, aber himmelschreiende Undankbarkeit, die ich so oft über mich ergehen lassen muss. Steckt das in uns allen drin?
Zum tausendsten Mal beschlossen, mich umzubringen, sollte ich Demenz entwickeln und bis dahin kein Heilmittel auf dem Markt sein. Hatte dann auch keinen Nerv mehr, mich Abends zu einem Frauentreffen zu begeben, habe mich lieber von wildem Ehemann, dem alten Captain Picard, Buffy und Pfälzer Landwein trösten lassen.
Schlecht geschlafen.
Von Leuten geträumt, die mit Pick-Ups und Gewehren auf Menschenjagd gehen und auch fremde Wohnungen und Häuser benutzen, sich dabei einen Spaß erlauben, merkwürdige Dinge zu hinterlassen oder Wände schwarz zu streichen, aber auch teure neue Sachen zu kaufen. Hatten plötzlich einen neuen Kühlschrank, neue Küchenmöbel, teure Vitamin-Aufbaukuren. Ich haderte mit mir, ob es in Ordnung ist Dinge zu behalten - Geschenke von Individuen,deren Hobby Menschenjagd ist.
Habe auch geträumt dass meine Mutter plötzlich zusammenbricht, ich weiß nicht genau, ob sie simuliert. Nicht weit entfernt steht mein Vater, ich bin völlig durch den Wind und flehe ihn an, herzukommen und mir zu helfen, aber er bleibt einfach da stehen, stumm.
Heute wieder eine Heimbesichtigung, scheußlich diesmal. Eine alte Frau sitzt alleine in einem Flur und weint ununterbrochen, die meist jungen und unerfahren wirkenden Pflegerinnen ignorieren sie. Ein alter Mann mit einem Bein sitzt im Rollstuhl bei null Grad draußen. Keiner beachtet ihn. Und in so was ähnliches will ich meine Mutter stecken, denke ich und fühle mich dementsprechend, auch wenn natürlich andere Heime einen besseren Eindruck hinterlassenen haben.
Auf dem Heimweg sehen alle Menschen scheußlich und bemitleidenswert aus, spitzgesichtige magersüchtige Gymnasiastinnen rennen aus der Schule, ihre dicken Altersgenossinnen ohne Abitur schieben derweil Kinderwägen in den Kik. Manchmal ist die Haut einfach zu dünn. Ach ja, dazu passt das hier:
Zu Hause habe ich eben erst mal ausgiebig geweint.
3 Kommentare:
Ja, da kann man nur noch heulen. Geht mir auch so, sollte ich je Demenz entwicklen und die haben dann noch nichts dagegen, ist Feierabend, Schlaftablettenparty. Ich werde das niemandem zumuten.
Ich drücke Dir bauch ganz fest die Daumen, dass Du bald ein gutes Heim für Deine Mama findest und endlich wieder leben kannst.
Ach Mensch, wieso muss es manchmal so schwer sein... ich drücke Dich ganz fest auf dem Süden und hoffe, dass es bald wieder leichtere Tage gibt!
Es gibt auch viele Menschen, die Pflege alter Menschen, die sehr um ihre Patienten gewidmet sind und sehr daran das Ende ihres Lebens so angenehm wie möglich gewidmet. Ich bin sicher, am richtigen Ort ist da draußen für deine Mutter.
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