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Die Katzen sind frech in letzter Zeit, wenn wir nicht schnell genug füttern, spielen sie polternd Krieg. Einer der Kater stahl gestern meinem wilden Ehemann eine Riesenportion Lachs vom Teller und flüchtete. Dafür bekommen wir viele Geschenke in die Wohnung gelegt - Mäuse, halbe Mäuse, Mäuseköpfe, eine halbe Fledermaus (!).
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Denke auch viel darüber nach, was es mit dem (mir durchaus bei mir selbst vertrauten) Drang nach Landleben, einfachem Leben, alles-Selbermachen auf sich hat. Ich finde es ja grandios, wenn Menschen ganz viel selbst machen können; mein Vorbild sind da zwei Frauen im Nachbardorf, die ihr Haus selbst ökologisch saniert haben, sich alles mögliche selbst aneignen und durchführen, von Käse herstellen über Zäune bauen bis Imkern und Apfelwein brauen. Fehlt mir für manches die Lust, die Zeit, das Geschick, aber die Idee eines Selbstversorgergartens spukt auch in meinem Kopf herum. Gut, mit Handarbeit habe ich es einfach nicht so, das hat man mir wohl in der Grundschule beim "Textilen Gestalten" erfolgreich für immer madig gemacht, aber ich finde es auch toll, wenn Leute sich ihre Kleider selbst herstellen können (ob nun nähen oder stricken oder...).
Andererseits bin ich aber auch immer etwas misstrauisch gegen gewisse Tendenzen, wie ich sie in diesen "Landelebensfreudelust"(oder so)-Magazinen finde. Halt diese Hochglanzidylle, dieses Wochenendbauerntum, diese Dorf-Dekoration in der Großstadtwohnung, dieses Aufgehen im Gestalten von historischen Marmeladenglasaufklebern, von hübschen Krimskrams, wenn ihr versteht, was ich meine.
Ich spüre darin so eine Sehnsucht nach etwas, was es gar nicht gibt und nie gegeben hat, nach einer heilen Landwelt irgendwo zwischen 1900 und 1950. Wenn ich dann aber mir die gebeugten schmuddeligen Gestalten auf historischen Fotos anschaue, die hier im Odenwald vor 100 Jahren versucht haben, dem kargen Boden ein paar Rüben abzutrotzen, möchte ich mit denen nicht gerne tauschen.
Ach, ich kann das schwer ausdrücken.
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Heute Nacht war ich mit dem wilden Ehemann tief, tief unten in einem Parkhaus gefangen, denn als ich den Parkschein bezahlen wollte am Automat, kam die Meldung, ich hätte auf einem "Einwohner-Parkplatz" geparkt, der auf einen Mann mit osteuropäischen Namen reserviert sei, der in Litauen lebe und bis 1945 im KZ Dachau war.

7 Kommentare:
liebe bodecea! dieses "landleben" ist gerade gross in mode, sozusagen das einfache leben reloaded.. wobei mich eben auch gerade das stört, was du erwähnst: dieses leben gab es nie. es war, wie du schreibst, mühsal und harte arbeit. wenn ich mir die verkitsche werbung im schweizer fernsehen anschaue, mit all diesen heidi-milchmädchen und sonstigem seltsamem personal, fühle ich mich wie in einem disneymässigen themenpark ;)sozusagen agrodisneyland.. lg anne/planet112
Huhu Anne,
ja, aber was zieht einen denn dann an? Ist ja gerade der Gegenentwurf zu meiner Kindheit in den 70ern/80ern, da ging es um "schneller, einfacher, kauf es fertig". Wenn ich in mich höre, dann ist es bei mir ein gewisser Wunsch nach Autarkie. Mein Lieblingsspruch ist ja "und wenn dann die Zivilisation zusammenbricht... (kann ich immerhin Pilze und Kräuter bestimmen etc.)".
Bodecea
Das ist wie mit den Mittelaltermärkten. Ich denke, man steht auf so eine Art Mittelalterromantik, wünscht sich die Zeit aber nicht zurück. Wer sehnt sich schon nach dem Gestank einer mittelalterlichen Stadt, einer Hungersnot bei Missernte oder einem Zahnziehen beim Bader...
Wahrscheinlich ist es die Sehnsucht zu einem "einfachen", erdverbundenen Leben in unserer reizüberfluteten technisierten Welt (auch wenn ich viel selber mache, auf Waschmaschine oder Kühlschrank möchte ich nicht mehr verzichten).
Und bei den ganzen Fertigprodukten und Lebensmittelskandalen hat man zu selbstgemachtem einfach mehr Vertrauen und kann auch noch stolz sein, selber was produziert zu haben.
LG Alruna
Wobei sich die Frage stellt: *Muss* es denn etwas überhaupt erst gegeben haben, damit es legitim ist, sich danach zu sehnen? Mir fällt da spontan der Kennedy Spruch ein: "I dream things that never were and ask: why not?" Es handelt sich ja nicht um Re-enacting, sondern um das Erschaffen eines neuen Lebensstils, in einer Mischung aus alten und neuen Dingen (zB 1900-Marmeladegläser und Internet)
@Alruna - ja, ich finde Selbermachen ja auch nicht falsch oder sinnlos. Im Gegenteil. Ja, Sehnsucht nach Ent-Entfremdung. Habe ja auch drüber anchgedacht, dass das ja total widersprüchlich ist - es gibt immer mehr zu lesen un dim TV über selber kochen, gärtnern, heimwerkern usw., aber es ist für Menschen immer weniger selbstverständlich. Als die Oma von meinem wilden Ehemann vor 15-20 Jahren noch im Wald allerlei Kram sammelte und einlegte war das noch nicht cool, nur schräg und wunderlich.
Diana - nein, wieso auch, warum nicht das beste aus allen Welten!
Wenn es denn kompatibel ist.
Hm, wie gesagt, da denke ich zurzeit viel drüber nach.
Bodecea
ach, eure Kazis revoltieren auch? Die Motze macht ihrem Namen seit einigen Tagen echt ALLE Ehre und streicheln dürfen wir sie nur, wenn wir ihr was zu essen geben. Wie bei einem Automaten: Futter einwerfen = 2 Min. streicheln. tsh.
hallo bodecea
alruna bringt es für mich auf den punkt mit dem wunsch nach dem erdverbundenen leben. ich glaube die gesellschaftliche und die individuelle sehnsucht nach dem landleben ist echt, wenn auch medial verkitscht, retro-mode halt. mich stört der zuckerguss. gerade in der schweizer werbung ists momentan extrem.
ich lebe in der vorstadt und kenne den wunsch, wieder mehr "land" in meinem leben zu haben ebenfalls. der gedankengang "und wenn die zivilisation zusammenbricht..." da musste ich grinsen, den habe ich öfters ..
anne
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