21 August 2011

Fluchtgedanken

Der Tag begann düster, kühl und mit Gewittern, wurde dann aber sonnig.
Dampfwolken stiegen im Wald überall da auf, wo ein Sonnenstrahl den
feuchten Boden berührte. Leider keinen Foto da zurzeit.

Denke immer noch nach über den Themenkomplex "Zurück zur Natur",
Hochglanzzeitschriften über "bäuerliches" Leben (die, wie ich hier las,
angeblich oft zu den Bildern der immer gleichen Höfen verschiedenen
Stories mit verschiedenen Leuten als "Dekoration" schreiben),
Weltabgewandtheit, notwendige oder gefährliche Abwendung von der großen
Welt, die immer angsteinflößender wirkt, weil sie uns medial immer näher auf die Pelle rückt, Biedermeier, Hinwendung zum Häuslichen, Privaten,
"Realitätsflucht".

Die Frage ist bei letzterem doch, was ist die Realität, vor der wir
fliehen? Es gibt die schwer leugbare Realität des Körpers - wir müssen
essen, trinken, atmen, aufs Klo gehen. Wer statt dessen Computerspiele
spielt oder Lichtnahrung absorbiert, hat bald ein Problem. Aber die
wenigsten Menschen fliehen wohl konsequent vor elementaren biologischen
Bedürfnissen (obwohl, wenn man das Bedürfnis nach Bewegung oder
Sexualität bedenkt...).

Bei den unmittelbaren sozialen Dingen wird es schon schwerer; wir müssen
in unserer Gesellschaft nicht unbedingt arbeiten, um zu leben. Wir
müssen keine Familie haben, keine Partner suchen. Wir müssen nicht
kreativ sein oder religiös. Wir mögen Geld anstreben oder Glück oder
Annehmlichkeiten, aber von all dem bleibt uns nicht viel, wenn wir
heute, morgen oder in 50 Jahren ins kühle Grab sinken. Wir könnten etwas
hinterlassen für die genetische oder kulturelle Evolution unserer
Spezies - Kinder, Ideen, Erfindungen - aber das ist, wie wir an vielen
Menschen sehen, nicht unbedingt die Norm, ein berühmter Denker zu
werden. Und die Notwendigkeit, durch viele Kinder unsere Art zu
erhalten, ist ja auf der Welt gerade auch nicht zwingend.

Vor was fliehe ich also, wenn ich wandern gehe, viele Bücher lese, alte
Buffyfolgen anschaue oder stundenlang Mirabellen entkerne, um
Marmelade zu kochen? Wäre es sinnvoller, statt all dem mehr zu arbeiten,
um mehr Geld zu verdienen? Oder aber, mehr Zeit für spirituelles
Wachstum und Meditation zu verwenden? Oder sollte ich mehr mit Freunden
sprechen, meine sozialen Beziehungen pflegen, diese und jene Email
endlich schreiben? Oder sollte ich mehr malen, dichten? Oder einfach
leben, nicht viel nachdenken? Oder Erfahrungen sammeln? Etwas verändern,
mich engagieren?

Mache ich es mir zu schwer? Oder viel zu leicht? Wie finde ich eine
Balance zwischen überzogenen Selbstansprüchen und einem Leben, an das
ich gar keine Ansprüche stelle und es nicht an mich, das einfach nur
verrinnt, während ich es mit Alltäglichkeiten fülle?

Und so führt mich die Sehnsucht nach dem Landleben schon wieder zu den
Kernfragen - wie soll ich mein Leben weiter gestalten, inwieweit habe
ich da überhaupt Gestaltungsspielraum, was sind meine Ziele, was sollten
meine Ziele sein und - warum?

Ach ja, Denken ist auch 'ne prima Realitätsflucht.

3 Kommentare:

Diana Kennedy hat gesagt…

Ich babe mir den verlinkten Artikel, bzw dieses Interview mal durchgelesen. Ich kann mir nicht helfen, aber auf mich wirkt es furchtbar larmoyant. Sätze wie " Zum Sparen werden Straßenlaternen nachts schon mal ausgemacht." rollem mir die Zehennägel nach hinten. Da sag ich spontan: Gebt mit den Namen dieses Dorfes und ich ziehe dahin!
Auf dem Land ist man sich selbst überlassen und man muss etwas mit sich anfangen können, allein. Wer das nicht kann, soll halt in die Stadt und fertig, wo ist denn das Problem.
Irgendwo ist es schon die typische Stadtmensch-Attitüde: Man wünscht sich einerseits Ruhe und idyllische Natur aber bitteschön ohne Dorfdeppen, mit Hightechbeleuchtung und genügend schicken Bars und Kinos.

Alruna hat gesagt…

Ich glaube gar nicht, dass es eine Flucht ist. Wenn du wandern gehst, dann ist das ein schönes Erlebnis, Lebensfreude. Der Körper wird mit Sauerstoff versorgt, die Gelenke geschmiert.
Lesen ist für mich wie Tagträumen. Ein Abschalten, zur Ruhe kommen und dabei noch gut unterhalten werden. Kopfkino eben.
Bei uns auf dem Land werden "zugereiste Städter" erst mal sehr misstrauisch beäugt. Denn das sind meist die, die die Gerichte bemühen, weil in der Früh der Hahn nicht mehr krähen soll, die Kuhglocken nachts zu laut sind und die Kirchenglocken sowieso, der Misthaufen des Nachbarn stinkt... und dann sich wundern, wenn sie in die Dorfgemeinschaft nicht aufgenommen werden, wo sie diese doch mit ihrer kultivierten Gegenwart beglücken könnten ;-)

Bodecea hat gesagt…

@Diana - ja, das stimmt - kleine heile Welt soll es sein, aber bitte mit hübschen Cafés und guten Schulen usw.

@Alruna - hihi. Ich kann gar nicht sagen, was ich bin - Landei mit Städtervorfahren, die von der Kleinstadt zurück aufs Dorf kam...
Aber gerade in Gegenden wie hier, wo schon lange "Fremde" hinzu gekommen sind und städtische Gegenden nicht weit, finde ich, dass oft auch ein gelungener Austausch stattfindet. Gerade im Bereich Umweltschutz waren hier diese Bauern noch vor 30-40 Jahren richttig ignorant (Kätzchen ersäufen, Gülle en masse auf die Felder usw.), aber auch in anderen Bereichen so piefig, dass man kaum hier leben wollte. Das hat sich durch Kontakte mit den "Zugeraasten" verändert. Und wenn die "Zugeraasten" offen und neugierig sind und auch die Alteingesessenen um Rat fragen, geht das ganz gut. Klar bleiben da Konfliktlinien - aber das ist ja eher spannend.

Bodecea