05 April 2011

Ja, aber...

Meine Lieblingspsychologin S. sagte mal sinngemäß zu mir "Ja, aber... ist der typische Satz eines Neurotikers".

Natürlich weiß sie, dass Neurotiker keine aktuelle psychodiagnostische Kategorie ist, aber ich finde die Aussage dennoch spannend, und sie begegnet mir tagtäglich - bei mir und, weil mensch die Fehler anderer um so klarer sieht, natürlich bei anderen.

Was ist mit "Ja, aber..." gemeint?

Wir wissen, dass wir nicht so leben, wie wir könnten, vielleicht müssten, vielleicht sollten. Uns ist bewusst, wir können, sollen oder müssen etwas ändern. Vielleicht Klarheit in der verzwickten Beziehung schaffen. Uns einen besseren Job suchen. Dringend abnehmen und mehr Sport machen. Etwas gegen die Zahnschmerzen tun. Dringend die Wohnung entmisten. Die Steuererklärung machen.

Nun kann man mit solchen Anforderungen auf drei Arten begegnen - nehmen wir als Beispiel Abnehmen. Ich habe mir über den Winter ein paar Kilo angefuttert, und was nun? Ich kann sagen - nö, das ist ok. Ich muss nicht abnehmen, ist doch egal, ich bin fit und meine Jeans Damengröße 40 passen noch, also was soll's.

Ich kann auch sagen: Ja, ich tue es. Wieder Schluss mit den abendlichen Gummibärchen und den Nüsschen, dafür mehr Gemüse und Möhrchen knabbern. Eine Stunde länger laufen bei meinen Wanderungen, dann bin ich es schnell wieder los.

Oder aber ich sage: Ja, eigentlich müsste ich abnehmen. Ja, aber.... daran, dass ich abnehmen muss, bin ich selbst ja gar nicht schuld. Ich esse nur viel, weil ich so gestresst bin. Mit der Pflege lassen einen ja alle alleine. Und die Gesellschaft stresst mich außerdem damit, dass ich dünn sein muss. Meine Oma war auch dick. Sicher liegt es in den Genen. Meine Eltern haben mir außerdem schon als Kind zu viel zu essen gegeben, deswegen war ich damals schon dick. Jugendspeck ist hartnäckig. Das ist so unfair. Die Werbung manipuliert mich außerdem. Und ich habe gar nicht viel Zeit zum Sport. Gymnastik geht nicht, der Kurs ist immer Montags, da kann ich nicht... und Tai Chi, ach, mein Wohnzimmer ist zu klein... draußen kann ich nicht üben, da gibt es Zecken... und wenn ich jetzt abnehme, muss ich mir neue Kleider kaufen, das wird zu teuer...

Mir ist bei mir selbst aufgefallen, dass es viel, viel mehr Mühe kostet, sich solche oft anstrengend Begründungsgebäude zu errichten, statt einfach zu sagen - ich wäge die individuellen Kosten und Nutzen einer Aktion ab, überlege, wie viel ich überhaupt wirklich dazu beitragen kann (manche Sachen sind ja aktuell nicht oder kaum zu ändern) - und dann tue ich es oder ich lasse es guten Gewissens sein (und bin damit Psychofalle Nummer drei entkommen von: 1) hätte ich doch nur früher, 2) wenn ich erst mal eines Tages und 3) ich müsste eigentlich...).

Für mich ist es immer eine Riesenbefreiung, wenn ich meine gedanklichen "Zwangsgebäude" so analysiere. Zum Bespiele - ich muss pflegen. Das ist oft anstrengend und macht keinen Spaß und bindet mich sehr ein. Ich kann nun sagen (und denke oft wirklich so): ich bin dazu gezwungen, böse Gesellschaft, böse Mitmenschen, ich armes Opfer. Ich bin Aschenputtel. Angekettet. Ich bin besser als ihr, weil ich mich aufopfere und es mir schlecht geht und ihr seid schuld.

Dabei ist das Unsinn. Ich kann jederzeit beschließen - ich höre damit auf. Bringe Mutter ins Heim, suche mit einen besser bezahlten Job oder verkaufe notfalls das Haus, um das zu bezahlen. Das will ich nicht, aber es wäre möglich. Ich kann abwägen zwischen den Belastungen von Pflege und denen, mit der Finanzierung einer Heimunterkunft belastet zu sein und vielleicht als "schlechte Tochter" dazustehen.

Ich kann eigentlich tun, was ich will, ich muss nur bereit sein, die Konsequenzen zu tragen.

Mich befreit solche Denke. Ich muss gar nichts, außer sterben, hieß es in meiner Familie immer. Und das stimmt doch auch!

Ja, ich weiß, in der Praxis ist das nicht so einfach. Geht mir auch so. Aber wenn ich merke, wie ich anfange, mir mit allerlei Argumenten zu begründen, wieso ich wichtige Dinge nicht angehe, sage ich mir - es reicht doch, dass ich einfach gerade keine Lust habe. Wozu mir zusätzliche Hindernisse aufbauen, die es mir nur um so schwerer machen, sollte ich doch mal wirklich wollen. Können. Müssen.

12 Kommentare:

Dryade hat gesagt…

Ohja, du hast so recht!! Wir können alles tun was wir wollen, wenn wir nur wollen!! Ein lautes zustimmendes Nicken von der Dryade

Diana Kennedy hat gesagt…

Wirklich sehr treffende Worte, Du hast es auf den Punkt gebracht.

Sch...ich SOLLTE endlich die Steuererklärung machen ;-)

Kiwi hat gesagt…

Find ich spannend, deine Gedanken - vor allem auch das Fazit! ("...einfach nur keine Lust...")

Manchmal kann man aber wirklich nicht, und hat nicht einfach nur keine Lust oder sich passende Ausreden überlegt.
Aber man kann auch die eigenen Grenzen akzeptieren, ohne sich als Opfer oder als nicht-selbstverantwortlich wahrzunehmen. Das wär dann die vierte Möglichkeit!

LG
Kiwi

PS: Spannend finde ich auch, dass "Nicht-Wollen" und "Nicht-Können" oft so sehr zusammenfallen, dass man da gar keinen Unterschied mehr definieren kann. Da frag ich mich zur Zeit, ob beides nicht letztlich das selbe ist. Oder ob es für die Existenz beides gar nicht gibt, sondern nur tun und nicht tun oder so. Äh, ich geh jetz ins Bett. Lösch das einfach, falls ich jetz zu viel gesenft hab :D!

Bodecea hat gesagt…

Hallo Dryade,

genau das meine ich eben nicht ;-). Ich kann nicht alles, nur weil ich es will. Aber ich habe fast immer eine Alternative, die ich wählen kann.

Hallo Diana,

viel Spaß ;-)

Hallo Kiwi,

das fällt für mich unter "oder ich lass es". Das ist ja vielleicht eh so eine Kunst, anzuerkennen, dass nun mal das reale eigene Selbst nicht mit einem Ideal-Selbst übereinstimmt - und dass das ok ist! Ich werde nie wie in Modell aussehen oder eine große Kampfsportkünstlerin sein. Der Nobelpreis für Literatur liegt auch nicht grade zum Greifen nahe. Und ich werde nie jemand sein, der mit großer Begeisterung 16, 14, 12, ach was, 8 bis 10 Stunden am Tag arbeitet.

Na und?

Alles Liebe
Bodecea

Bodecea hat gesagt…

Ach ja noch was @ Kiwi - "Ich kann nicht heißt oft: ich will nicht" hat meine Lieblingspsychologin (die nicht meine Psychologin ist, sondern Freundin) auch mal gesagt ;-).

Bodecea

sommersonne hat gesagt…

wobei >Ich kann, weil ich es will< im umkehrschluß nicht heißen muß, daß man alles wollen muß. da ist ja wieder der zwang drin.
bei dem thema taucht bei mir immer die frage auf "ja will ich denn?".
also wieder die entscheidung, und beides ist ok ;-)

Nenya hat gesagt…

Ja, den Satz ich Muss mal gar nix außer sterben sag ich auch sehr gern!
Und je öfter jede sich das vor Augen führt, so unverkrampfter gehts dann mit den Entscheidungen, Verpflichtungen etc.
Und überhaupt es gibt immer noch die eine letzte Wahl....

Grüße,
Nenya

Bodecea hat gesagt…

@ Sommersonne und Nenya - eben, ich muss gar nix wollen! Und es mag für viele komisch klingen, aber zu wissen, dass ich letztendlich auch entscheiden könnte, nicht zu leben, finde ich sehr befreend - auch wenn ich kein bisschen suizidal bin.

Alruna hat gesagt…

Oh ja, bei diesen "ja abers" ertappe ich mich auch oft. Bei mir heißt das schlicht und einfach, dass ich dann zu bequem bin Gewohnheiten zu ändern oder der innere Schweinehund grade Oberwasser hat.
Schuldzuweisungen versuche ich zu vermeiden. Da ist mein Motto immer "ändern, was ich ändern kann und ändern will und akzeptieren, was nicht zu ändern ist oder wo mir der Aufwand zu hoch erscheint". Aber das liegt immer bei mir.
LG Alruna

Ernst hat gesagt…

Danke für den Schubs! Ist sehr hilfreich.

Anonym hat gesagt…

Danke für den Schubs! Der ist sehr hilfreich.

Ernst hat gesagt…

crovic